Tag 9.
Ein Tusch, bitte, ich habe heut die 30 Kilometer gepackt! Allerdings unfreiwillig. Heut morgen tat mein Knie wieder mehr weh als die Tage davor. War aber nicht so schlimm, weil das erste Stück auf ner Piste schön zu gehen war, immer die Berge im Blick, war toll! Erinnerte an die Herr der Ringe – Landschaft, an Rohan. Fand ich. Dann ging’s aber erst mal für eine Stunde ab auf die Landstraße. Ich hatte überhaupt gar keine Energie und konnte zwar hinterher normal gehen, aber mir war auf einmal der Rucksack viel zu schwer ... Hatte nicht anders gepackt, als sonst, aber er zog nach unten und die Gurte schnitten richtig in die Schulter, zumindest fühlte es sich so an. Dann hatte ich kurzzeitig überlegt, in Rabanal zu bleiben. War aber erst elf Uhr und das ging irgendwie nicht. Außerdem machte die Herberge erst um 15 Uhr auf. Hab mich dann im Supermarkt mit einem Obst- und Schokoladenfrühstück versorgt, kurz pausiert und bin weiter. In Foncebadon sollte es ja auch eine neue Herberge geben. Aber erstmal hinkommen! War zuerst ganz schön, über Feldpfädchen durch schulterhohen Ginster. Dann gings aber ab auf die Landstraße, was dann weniger schön war. Naja die Kulisse war schon toll, immer die Berge am Horizont. Aber wieder auf Teer zu gehen war schlichtweg nur ätzend.
Dann Ankunft in Foncebadon, es war heiß, die Sonne brannte, kein Wind – Herberge zu. Und da der Ort halb verlassen ist, hab ich auch nach einer halben Stunde warten niemanden getroffen, der mir hätte sagen können, ob die noch geöffnet wird oder nicht. Gut, es war kurz nach halb eins, also kurzerhand weiter. Erst mal wieder ganz angenehm durch Felder, einmal über die Straße und dann auf eine Piste neben der Straße. Direkt zum Cruz de Ferro. Hier steht in einem hohen Haufen loser Steine ein fünf Meter hoher Baumstamm, worauf ein Eisenkreuz montiert ist. An dieser Stelle ist es eine Art Tradition, sich symbolisch von einer Last, oder einem Laster, zu befreien, was eben durch einen Stein geschieht, der auf den Haufen gelegt wird. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass eine deutsche Reisebustourigruppe dort Halt machte. Die sind dann ganz stolz mit den gerade gesammelten Steinen da hoch und haben sich fotografieren lassen. Ich hätt kotzen können. Und laut waren die und eben so typische deutsche Bustouri-Senioren. Ätzend! Selbst wenn ich einen Stein gehabt hätte, wär mir das zu blöd gewesen, mich da einzureihen.
Dafür hab ich den Pilger mit dem Hund wiedergetroffen und eine Weile mit ihm auf der Wiese rumgelegen und in die (wenigen) Wolken geguckt. Chara hat natürlich alle Blicke mit vielen „ooooh“s und „aaaaaah“s auf sich gezogen. Bald stiefelte ich dann auch schon wieder los, angenehm über Pfade nicht weit weg von der Straße. Leider „verfolgte“ mich da eine Tourigruppe. Is ne unglaubliche Leistung, aus einem Bus zu steigen und dann zehn Minuten ein Stück Jakobsweg zu gehen. Ich hör schon wie die Rentner-Gang das ganz stolz beim Stammtisch erzählt. Und von den Begegnungen mit „echten Pilgern“.
Tief durchatmen ...
Irgendwann war der Pulk dann weg und ich hatte wieder meine Ruhe. Kam kurze Zeit später in das verlassene Dorf Manjarin, wo es nur eine sehr urig (aber auch schmutzig) aussehende Herberge gibt. Weiter gings wieder schön durch Feld und Wald vor grandioser Kulisse, dann aber wieder Asphalt, zum Teil steil bergab. Nach etwa anderthalb Stunden zweigte ein Trampelpfad nach El Acebo ab, sehr steil runter, sehr steinig. Für die letzten 100 Meter da runter hab ich zehn Minuten gebraucht. Teilweise rückwärts auf allen Vieren ...
Ja und jetzt bin ich hier. Frisch geduscht, momentan pochen meine Füße und Knie fast unerträglich, aber: Ich bin hier! Habe acht Stunden inklusive einmal 15 und einmal 20 Minuten Pause gebraucht. Dat is schon in Ordnung! Muss mich echt nochmal selbst loben!
Oh, hier ist ein exhibitionistischer Österreicher! Hatte beim Duschen sämtliche Türen auf und sich in aller Ruhe hier im Schlafraum angezogen. Die Herberge ist wieder voll; die Tussi neben mir hat lackierte Zehennägel. Wie affig! Wie eitel kann man denn sein, wenn man seine Füße eh jeden Tag in dreckige schweißgetränkte Wanderschuhe steckt?
Geschrieben in Jakobsweg 2004 am 26. Januar 2008, 12:00