Jakobsweg 2004

Sonntag, 04. April 2004

Anreise.
Nun bin ich also wieder in Spanien, um zuende zu bringen, was ich angefangen habe. Klingt gewaltig, was? Ich weiß nicht, ich musste hier weitermachen. Damit es eine runde Sache wird!
4.4.04. - Bringen Schnapszahlen eigentlich Glück? Hab vom Flughafen Bilbao aus direkt einen Bus nach Bilbao Zentrum gekriegt! Dann mem Taxi zum Busbahnhof und das Ticket für den 17 Uhr-Bus nach Burgos hab ich sogar auch! So findet sich eben alles; im Vergleich zu heute morgen bin ich wieder die Ruhe selbst und freue mich auf die Zeit, die vor mir liegt, auch wenn ich genau weiß, dass ich viel fluchen werde und vermutlich nicht ohne Blasen und andere Problemchen davonkommen werde.
Werde dann in Burgos gucken, dass ich ein Taxi nach Tardajos kriege, da ich nicht in der Herberge in Burgos bleiben möchte.

21 Uhr. Tja das Taxi hab ich gekriegt, aber die Herberge war voll, keine Chance, noch irgendwo unterzukommen. Also weiter nach Rabé de las Calzadas – geschlossen. Es war halb acht, laufen kam nicht mehr in Frage. Gott sei Dank hab ich die Telefonnummer von dem Taxifahrer von letztem Jahr aus Burgos mitgenommen. Wollte ich erst nicht, dann hat aber meine innere Stimme drauf bestanden. Jedenfalls is’ der dann gekommen und freute sich, mich zu seh’n. Beruhte auf Gegenseitigkeit! Er hat mich dann nach Hontanas kutschiert (für billiger als normal), wo ich jetzt endlich auch ein Bett habe. Das letzte. Das heißt das hier gerade 50 Leute übernachten, die morgen auch wieder irgendwo ein Bett brauchen. Tja ist eben heiliges Jahr, weil dieses Jahr der Jakobus-Tag, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt. Außerdem haben die Spanier Osterferien. Ich bin gespannt!

Montag, 05. April 2004

Tag 1.
Hmmmm hab 21,5 Kilometer geschafft, in etwas mehr als fünfeinhalb Stunden inklusive zwei Pausen und einem laut Reiseführer „schweißtreibenden Anstieg“. Jo, der war ziemlich schweißtreibend, zumal die Sonne gut geknallt hat. Aber erstaunlich, dass ich so schnell war. Den Ehrgeiz, wirklich alles zu laufen hab ich schon; nur in Anbetracht der Tatsache, dass mir jetzt gerade alles wehtut, sollte ich nicht zu enthusiastisch sein. Sind ja nur noch 500km ... War schön zu gehen, zwar auch viel Landstraße, aber wenig befahren und die Gegend hier ist sehr schön. Nach diesem einen Anstieg ging’s dann auf Feldwegen und Pisten weiter bis zum Etappenziel.
Die Herberge hier in Itero de la Vega ist voll, ein paar Pilger schlafen sogar auf dem Boden. Ich hab ja mein Bett! Schön zu sehen, dass ich nicht die einzige bin, die geht wie auf Eiern, sogar die ganz Sportlichen (sie sehen zumindest so aus) haben Probleme und humpeln und hinken. Sind auch wieder ältere Jahrgänge unterwegs, ein Belgier (68) und eine Gruppe Dänen, die dürften auch so Ende 60 Anfang 70 sein. Hut ab!
Jetzt ist’s zwanzig Minuten vor sieben und wir sitzen alle draußen bei knallender Sonne. Hab ein bisschen geplant und mir überlegt, von Sahagun nach León mit dem Bus zu fahren; die Strecke soll nicht besonders schön sein, und ich hab dann ein bisschen Luft nach hinten. Dann könnte ich mir offen halten, noch bis ans Kap Finisterre zu laufen. Das hätte auch was ... Hach ja, es is’ sooo schön hier gerade ... gut, dass ich hier bin! Gerade haben die vier anwesenden Deutschen ein paar Lieder angestimmt, sehr schöne, spirituell klingende Gesänge. Sehr stimmungsvoll!

Dienstag, 06. April 2004

Tag 2.
... noch 570 Kilometer bis ans Kap... und noch 470 Kilometer bis Santiago ....
Also heute tut mir ja alles weh: Füße, Knie, Beine, ein bisschen die Schultern. Hab natürlich zwei Blasen und ein paar weitere Druckstellen. Herrje ich hab den ganzen Tag in Gedanken geflucht und gezetert. Meine Motivation heute war eigentlich nur die, dass ich in ein paar Wochen zuhause angeben kann, das hier geschafft zu haben!!! Aber meine Stimmungen wechseln auch enorm schnell. Ist eigentlich witzig. Wenn ich abends in die Herberge komme, bin ich für Minuten der glücklichste Mensch der Welt. Morgens beim Aufstehen aber bin ich richtig down, dass ich weiter muss. War letztes Jahr auch schon so. Weil man halt wieder solange laufen muss. Weil man ein „zuhause für eine Nacht“ wieder verlässt und sich ein neues suchen muss. An guten Tagen macht mir das nichts, an schlechten fällt es mir manchmal echt schwer. Stimmungs-Auf-und-Ab! Habe aber (mal wieder) festgestellt, dass ich Schmerzen und das Gefluche „abschalten“ kann, wenn ich mich ganz bewusst auf die Gegend um mich rum konzentriere. Und die war schon echt schön! Auf Pisten meist querfeldein, leicht hügelig und mit vielen tollen Farben, wegen dem Wechsel zwischen Sonne und Wolken. Doch, war gut! Ja und jetzt bin ich hier in Boadilla del Camino, die Herberge liegt in einer ehemaligen Schule, ganz gemütlich! Jetzt werd ich mal Sonne tanken!

Toll ich hab Sonnenbrand. War ja klar! Und der Laden hat dummerweise auch noch zu. Hoffentlich macht der noch auf ich hab keine Vorräte UÄH!
Aber sonst is’ witzig! Irgendwie scheint es allen so zu gehen: Tagsüber fluchen, abends glücklich und zufrieden rumsitzen oder –liegen, entspannen, reden ...
Tja der Belgier von gestern nervt mittlerweile etwas. Der ist so gezwungen und übertrieben witzig. Aber er sagte was, was ich mir gerade hier auf dem Weg merken muss: morgen ist morgen, aber heute ist heute. Da hat er schon recht. Was nützt die Planerei, wenn doch eh alles tagesform- und wetterabhängig ist!

Gisela aus der Nähe von Bremen wandert hier auch. Sie ist irgendwo um die 60 und ist damit die unkonventionellste Frau ihres Alters, die ich bis jetzt kenne.
Sie hatte mit Ende 40 Eierstockkrebs und war schon „abgeschrieben“ worden; dem Tod näher als dem Leben. Tja aber sie hat’s doch geschafft und dann festgestellt, dass ihr Leben ziemlich festgefahren war; sie hatte immer nur nach den Wünschen und Vorstellungen anderer Leute gelebt, stand sich aber auch selbst im Weg, da auch sie ziemlich eingefahrene, veraltete Ansichten hatte. Tja das hat sie dann geändert. Sie wollte dann gerne Orgel spielen lernen, konnte aber weder Klavier spielen noch Noten lesen. Sie hat sich dann ein Klavier gekauft, innerhalb von drei Jahren hervorragend spielen gelernt und dann Orgel-Unterricht genommen. Und jetzt spielt sie in Messen. Sehr bewundernswert, und für mich persönlich ist diese Bekanntschaft eine große Bereicherung, seelischer Art.
Und warum sie den Camino macht, weiß sie selbst nicht. Sie glaubt, sie wird es frühestens in Santiago, wahrscheinlich aber eher Monate, wenn nicht sogar Jahre später rausfinden. Sie ist losgezogen, weil es sich für sie gut angefühlt hat. Keine religiöse Motivation, auch nicht das Bedürfnis nach Freiheit oder Abenteuer. Einfach das unbestimmbare Gefühl, dass das hier jetzt richtig ist. Auch schön, der inneren Stimme folgen! Das tun wir vermutlich alle viel zu selten. Wir können sie ja auch kaum noch wahrnehmen, wird sie doch permanent vom Lärm der Moderne übertönt.

Mittwoch, 07. April 2004

Tag 3.
Ich könnt ja schreien! Beim Laufen ist Santiago (das Kap sowieso) wieder in schier unerreichbarer Ferne gewesen. Jetzt in der Herberge seh ich mich schon dort einmarschieren ... Ja ja. War ein guter dritter Tag, Füße tun weh, aber sonst alles ok. Dafür bin ich hundemüde, weil die Nacht schlimm war. Bis nach ein Uhr gab’s Radau und Licht an – Licht aus, Tür auf, Tür zu ... Und hier (Carrion de los Condes) sind auch alle 56 Betten voll. Ein Pärchen ist hier, die haben zwei Tage ausgesetzt, weil die Frau ne üble Erkältung mit Fieber hatte. UÄH! Hoffentlich bleib ich davon verschont! Auch sonst geht es den meisten hier anscheinend nicht so gut. Alle humpeln und gucken gequält. Das heitert mich gemeinerweise enorm auf, mir geht es ja genauso, und geteiltes Leid ist eben doch halbes Leid!

Mittlerweile werden die Fußpilger weitergeschickt ... Es ist kurz vor fünf, der Boden der Herberge ist auch schon belegt. Krass!! Sind bestimmt 80 Leute hier! Ojeojeoje! Morgen gibt’s bestimmt Gerenne!
Ich hoffe heut nach schlaf ich gut; alle körperlichen Schmerzen sind nicht schlimm, solang es einem seelisch/psychisch gut geht. Und das geht nur wenn man ausgeschlafen ist. Bei mir zumindest. Wenn ich müde bin, is der Tag eigentlich verschissen, weil ich dann schon morgens quengelig bin.

Ich sitze mit pochenden Füßen auf den Stufen vor dem Eingang zur Kirche in der knallenden Sonne und lausche den geistlichen Gesängen. Bin ganz hin und weg, jetzt isses wirklich perfekt .... Ist zwar nur vom Band, aber klingt toll ... Hab ich die Gänsehaut deswegen oder weil die Kälte aus der Kirche mich hier erreicht???
Die Bänke in der Kirche sind in den hinteren Reihen staubbedeckt. Sieht irgendwie traurig aus. Außerdem kam mir gerade D.’s Tod ganz urplötzlich in den Kopf. Der war ja auch immer irgendwo unterwegs. Wirklich Freunde warn wir zwar nicht, aber ihn hat’s definitiv zu früh erwischt. Das hier wär bestimmt auch was für ihn. Habe auch gerade einen Collie gesehen, der aussah wie seiner, Lucky.
Ich bin auf einmal auch traurig.

Donnerstag, 08. April 2004

Tag 4.
Habe statt geplanten 23,5 Kilometer „nur“ 17 geschafft, nach Calzadilla de la Cueza. Soviel zu Thema planen! Aber ging auch net. Hatte vom durchgelegenen Bett tierische Rückenschmerzen und einen schwereren Rucksack wegen der Lebensmittel. Ja und d- ach jetzt hat mich der Belgier, der schon wieder hier ist und mich langsam richtig nervt, aus meinen Gedanken gerissen. Sieht der nicht dass ich mir dieses Eckchen hier gesucht habe, um allein und in Ruhe zu schreiben? Deppenpokal ...
Äh ja. Also. Und dann ist da auch noch eine Blase am linken äußeren Zeh und heute mal wieder mein Knie. Außerdem war es schweinekalt durch den Wind, hab richtig fies gefroren (obwohl ich schon zwei T-Shirts, Fleecepulli und den Windbreaker anhatte) und der Weg ging zu allem Überfluss einfach nur doof geradeaus. Total platt auf einer Piste. Durch die tierra de campos. Eigentlich schön, aber eben unglaublich langweilig zum Gehen. Absolute Monotonie. Zwischendurch hab ich mich mit den anderen Deutschen aus Itero de la Vega unterhalten, einer, ich glaub Martin, liegt mir besonders. Wir haben geredet und geredet und geredet und da verflog die Zeit auf einmal. Habe mich auch seinem Gehrhythmus angepasst und hab schließlich die Strecke (etwa 17 Kilometer) in knapp dreieinhalb Stunden geschafft. Für mich enorm schnell! Und es gab bei der Kälte ja auch keine Pause! Dafür hab ich aber jetzt leider die Gisela verloren. Schade! Konnte aber hier gerade meine Klamotten schon einmal durchwaschen. Hoffentlich trocknen die auch noch! Ja morgen steht aber auf jeden Fall Sahagun als Ziel fest, von dann entweder noch morgen oder übermorgen früh direkt nach León! Und ab Astorga muss es wohl sehr schön werden, landschaftlich. Ich bin gespannt! So jetzt isses auch hier wieder voll. Sind größtenteils Deutsche. Die Hälfte davon nervt mich ja schon mit ihrer bloßen Anwesenheit .... Hoffentlich wird’s bald ruhiger! Hätte schon gerne mehr Stille und Einsamkeit um mich herum!

Ich war gerade in einer Messe. Ein Atheist auf Abwegen, sozusagen. Ich finde da nach wie vor keinen Bezug zu. Für mich ist die Kirche einfach die größte Sekte der Welt. Einer spricht vor, die anderen stumpfsinnig nach.
Eine schöne Stelle gab’s, und zwar hat der Pfaffe was vorgelesen, worauf sich alle Anwesenden die Hände geschüttelt haben oder sich umarmt haben. Das war sehr herzlich und eine schöne Geste. Auch wenn mir der Anlass (diese blöde Messe eben) nicht so gefällt. Die Seele wärmt es, und die Kirche wirkt direkt viel weniger kalt und kahl.

Ich komme soeben aus einer Bar, war mit den vier Deutschen den ganzen Abend dort. Sehr sehr nett! Die haben mir was von einem Eneagramm erzählt, was dazu dient, Menschen in verschiedene Gruppen einzustufen. Ohne Wertung, einfach nur um ihn charakterlich „einzuordnen“. Ich wurde als Neuner geschätzt. Muss ich mir zuhause mal was drüber holen! Ja, war echt nett. So jetzt ist Schlafenszeit, wird schon ganz ruhig, weil die meisten liegen und nur noch ein paar ins Bad müssen. Also gute Nacht!

Freitag, 09. April 2004

Tag 5.
Mein rechtes Knie hat mich wieder verlassen ...
Diesmal nicht der Muskel, sondern wirklich das Knie, innendrin. Aua ...
Dabei fing es so gut an, aufstehen und los um viertel nach sieben, um halb neun hatte ich schon ein gutes Stück geschafft. Aber schon mit leichten Schmerzen, die ich aber nicht ernst genommen habe. Hab eine Dolormin genommen und bin weiter. Dann gings ein Steintreppchen an einer steilen Schräge runter und da hab ich mich dann vertreten und es hat richtig geknirscht im Knie. Tja. Bin trotzdem weiter (was sollte ich auch machen?!), und hab die Gruppe Österreicher und Spanier aus Boadilla del Camino wiedergetroffen. Sind ein paar Meter zusammengegangen, dann waren sie schneller und ich hab in Templarios Pause gemacht. Dort hab ich auch Gisela zusammen mit dem erkälteten Paar aus Hamburg wieder getroffen. Bin ein Stück mit denen mit, dann hatte es aber endgültig keinen Zweck mehr, weil die Schmerzen zu heftig wurden und ich fast am Heulen war. Also runter zur Nationalstraße und Daumen raus. Musste nur knapp 15 Minuten stehen; weitere 15 Minuten später war ich dann in Sahagun. Am Ortseingang stand ein Pärchen, das ich am ersten Abend in Hontanas gesehn hab, und trampte auch. Sie erkannten mich und winkten begeistert. Fand ich irgendwie gut!
Ja in Sahagun gabs dann keinen Bus, dafür mehrere Zugverbindungen. Ich entschied mich für die erstmögliche (für elf Euro; die 40 Minuten später hätte nur drei Euro gekostet ... merke: Geduld haben!) und kam so nach 25 Minuten in Leòn an. Schöne Stadt!! Vom Bahnhof aus musste man nur geradeaus hoch; direkt auf die Kathedrale zu. Es ist unglaublich voll hier, wegen Ostern. Eine Zeitung sagte was von 1,4 Millionen Besuchern. Trubel! Ist wirklich toll, die ganzen verwinkelten Altstadtgassen, ganz viele Bars und Cafés, schöne Plätze. Eine echte Studentenstadt!
Die Herberge hier ist richtig groß und die hospitalera riesig nett. Also vom Kopf her geht’s mir super! Wenn das Knie nicht wär, hätte ich auch die 23 Kilometer heut geschafft! Pech! Hoffe morgen geht’s wieder! Mittlerweile macht das Laufen auch richtig Spaß. Aber was solls. Ich freu mich gerade, neue Gesichter um mich rum zu haben, u.a. Julia aus Deutschland, die mit mir im Zug war und morgen erst richtig anfangen will zu laufen. Und ich bin den Belgier los – hurra!!

Ich habe eine neue Lieblingsstadt!
Hier ist die Hölle los wegen der Osterprozessionen (sollte ich vielleicht „Hölle“ nicht in einem Satz mit Ostern erwähnen?). Die sind faszinierend, wenn auch unheimlich, wenn die maskierten Gruppen an einem vorübergehen. Aber die gibt es in allen Farben, schwarz, weiß, rot, blau, grün, violett, orange. Und immer eine Gruppe Trommler dazwischen. Ist schon ein Erlebnis!
Und hier durch die Gassen zu Bummeln ist auch toll. Wobei ich hier total die Orientierung verliere, weil hier jede Ecke gleich aussieht. Aber im Orientieren war ich ja noch nie besonders gut!
Ja und dann erst die Kathedrale! Die „schönste Kathedrale Spaniens“, laut meinem Reiseführer, gotisch, jedes einzelne Fenster Buntglas. Da ist ein Licht drinnen, das ist unglaublich. Viel schöner als die in Burgos, viel klarer, strukturierter und weniger protzig. Schönschönschön!
Wie gut dass ich heute hier bin! Wer weiß, hätte ich die Knieprobleme nicht gehabt, wär ich nach Sahagun gelaufen und hätte vermutlich morgen erst einen Zug hierhin gekriegt. Hätte dann Julia nicht getroffen und die Prozessionen nicht gesehen. Hab zwar immernoch richtig Schmerzen, aber was solls, ich bin jetzt hier, genau jetzt und genau hier. Hätte nicht besser sein können! Aber vielleicht sollte ich das Knie jetzt mal ne Stunde einfach nur hochlegen. Hab mir auch schon einen Stock gekauft, damit’s ein bisschen entlastet wird. Schaun mer mal!

Samstag, 10. April 2004

Tag 6.
Es ist nicht besser ... Heute morgen mal kurz, aber nachdem ich ne Stunde in der Altstadt rumgeirrt bin (man sollte laut Buch den in den Boden eingelassenen Muscheln folgen; die führten sinnigerweise im Kreis), war’s schlimmer denn je. Ich wurde ziemlich sauer und hab versucht das zu ignorieren. Hab ca. drei Kilometer geschafft, beziehungsweise mit dem Irrlauf vier, dann war’s vorbei. Am Straßenrand stand ein Taxi und ich hatte vor, den Fahrer zum Busbahnhof zu schicken, um tatsächlich nach Deutschland zurückzufahren. Es war an dem Punkt wirklich bei mir Ende und ich konnte und wollte nicht mehr und sah auch keine Besserung weil ich einfach nur diesen bohrenden Schmerz aus der Mitte des Knies hatte.
Tja. Als ich drin saß, schickte ich den Fahrer dann aber zur nächsten Herberge, nach Villadangos del Paramo. Hier bin ich nun, will weiter, irgendwie. Habe mir eine Bandage und Salbe gekauft und harre jetzt – mit hochgelegtem Knie – der Dinge, die da kommen. Was solls, die Strecke an der Straße lang war eh scheiße und die andere durch die Ebene hätte ich niemals geschafft. In mir macht sich eine Mischung aus Resignation und Wut breit. Vielleicht verleiht letztere mir ja Flügel. Dafür hab ich hier nette Gesellschaft, einer aus Malaga, hat auch Probleme mit den Knien.
Der arme Kerl hat sich sinnigerweise den Namen seiner mittlerweile Ex-Freundin auf die Brust tätowieren lassen. Wenn er nach Santiago kommt, will er sich als „Belohnung“ was neues drüber tätowieren lassen. Na das ist doch mal eine Motivation!
Ist übrigens eine sehr schöne Herberge hier! Schade, dass die an der schlechteren der zwei Wegalternativen liegt!

Jetzt hab ich das totale Tief, würd am liebsten umdrehen und nach Hause fahren. Noch könnte ich, León ist nicht weit und Geld genug hab ich. Das Knie wird und wird nicht besser; außerdem sind wieder nur Spanier hier, ich fühl mich regelrecht umzingelt und versteh bei der Schnelligkeit kein Wort. Wenns morgen nicht besser ist, dreh ich um. Jetzt zieht es sich auch noch zu. Bei meinem Glück regnets morgen auch noch...

Ist immer noch nicht besser. Aber ich glaube das Stückchen Weg bis in den nächsten Ort schaff ich. Habe dieses lästige unglaublich tiefe Tief überwunden und werde nicht umdrehen, komme was wolle!
Habe hier eine Amerikanerin, Stephanie, und eine Irin, Mary, kennengelernt. Steph hat haargenau dieselben Schmerzen im linken wie ich im rechten Knie. Schon seit Tagen. Und sie beißt sich auch durch. Also bitte. Hat erzählt, dass eine Freundin von ihr an Leukämie gestorben ist. Als sie dann am Laufen war, noch in den Pyrenäen, dachte sie urplötzlich an sie („her name popped into my mind“) und da flog ein Schmetterling vor ihrer Nase her. Und jetzt erinnern Schmetterlinge sie immer an die Freundin. Das sind wohl so kleine Wunder des Alltags. Schön! Steph ist allerdings schon n Stück spiritueller oder esoterischer oder wie auch immer eingestellt als ich; sie hatte als Kind immer Angst, nicht 30 Jahre alt zu werden. Die saß wohl so richtig fest und es war teilweise wirklich Panik. Na jetzt ist sie 30, aber glaubt, dass die Angst daher kommt, dass sie in früheren Leben immer gestorben ist, bevor sie 30 war. Sie glaubt das nicht nur, sie ist davon felsenfest überzeugt. Was diese Dinge angeht, habe ich lieber schlicht und einfach keine Meinung. Das erspart viel Kopfzerbrechen!
Die Mary hat mal in Cork für eine Fährgesellschaft gearbeitet, und dort ein Ticket an Daniel Day-Lewis verkauft! Sie sagt sie war von seiner Präsenz geplättet gewesen. Wär ich wohl auch!
Ja war ein toller Abend! Mit ein paar Gläsern Wein, die mir (und den beiden wohl auch) tatsächlich zu Kopf gestiegen sind. Jetzt sinniere ich über die letzten paar Tage und was sie mir bis jetzt gebracht haben, über die Leute, die ich kennengelernt hab und über den ständigen Aufbruch. Natürlich auch über die Schmerzen. Aber ich krieg das alles momentan gar nicht geordnet und meine Augenlider werden schwer .... Werde wohl gut schlafen!

Sonntag, 11. April 2004

Tag 7.
Ich bin stolz auf mich! Heut erst um viertel vor acht ganz gemütlich aufgestanden, zusammen mit Mary und Steph. Kurzes Frühstück und ich bin als erste los, weil ich wusste, dass ich langsam sein würde. Wollte ja zumindest die fünf Kilometer bis ins nächste Dorf schaffen. Bin unter Schmerzen gegangen, aber mit stoischer Ruhe, immer im selben Rhythmus und hab mich darauf konzentriert, normal zu gehen und nicht irgendwie eiernd und den Schmerzen ausweichend. Nach anderthalb Stunden hatte ich die fünf Kilometer dann auch hinter mir und hab auf die beiden anderen gewartet. Sicherheitshalber noch eine Dolormin, dann kamen sie auch schon und ich bin mit ihnen weiter, konnte das Tempo aber nicht mithalten. Also wieder langsamer, wieder in dem ruhigen Rhythmus. Der Weg ging eh nur an der N-120 lang, bis Hospital de Orbigo. Nicht besonders schön, aber für mich sicher, zur Not hätte ich trampen können. Weiter gings eine Stunde neben der Straße lang, dann über eine alte, lange Römerbrücke nach Hospital rein.
Ich finde es immer schön, irgendwo in eine Stadt oder auch nur ein Dorf zu kommen, und wenn es nur zum Durchqueren ist. Rein, vielleicht eine kurze Pause, und wieder raus und weiter. Da wird einem das „Auf dem Weg sein“ irgendwie bewusster, als wenn man nur durch unbewohnte Gegend läuft. Finde ich. Im Ort hier hab ich Mary und Steph wiedergesehn. Mary ist in die Ostermontagsmesse gegangen, wo anscheinend das ganze Dorf auch hin ist. Ich hingegen hatte so eine gute Phase, fast schmerzfrei und auch sonst prima, dass ich direkt weiter bin. Am Ortsende hab ich mich für die Alternative über bzw. erst mal nach Santibanez de Valdeiglesias (einsamer, schöner und weg von der Straße) entschieden. Bin gemütlich über schöne Felder und Trampelpfade bei wolkenlosem Himmel und angenehmem Wind hier angekommen. Und es hat sich gelohnt! Eine kleine, gemütliche Herberge, mit guten Betten und knallheißen Duschen erwartete mich, dazu ein sehr schöner Innenhof und eine rührende hospitalera. Unglaublich dass ich nach Hause wollte! Nicht auszudenken! Und wenn das Knie abfällt, dann kriech ich den Weg eben weiter. Jetzt gibt’s definitiv kein Zurück mehr. Jetzt lieg ich gerade unter einem blühenden Kirschbaum und millionen Bienen summen um mich rum. Ja und so hab ich heute statt der vorgenommenen ganze 18 Kilometer geschafft! Und deswegen bin ich gut! Allerdings tut das Knie jetzt auch wieder übel weh.
Die Zeit rast, obwohl man sich so langsam fortbewegt. Unglaublich. Sinniere gerade wieder ein bisschen. Vielleicht war das mit dem Knie einfach notwendig, damit ich endlich meinen Rhythmus finde? Ich frag mich immernoch, wieso ich den Taxifahrer nach Villadangos geschickt hab. Ich wollte nach Hause, ich wollte an den Busbahnhof gefahren werden. Innerhalb von Sekunden hat irgendwas in meinem Kopf aber umgeschaltet. Anscheinend leitet mich stellenweise mein Unterbewusstsein. Gut so!
Jetzt ist es kurz vor sechs, bin ganz alleine hier und habe gerade nochmal ein kleines Tief. So ganz alleine ist irgendwie auch nichts. Jaa ich weiß ich habs mir ruhiger gewünscht. Aber doch nicht so ruhig !!??! Na immerhin werd ich heute eine ruhige Nacht haben! Auch schön!

Juhu ich bin nicht mehr alleine! Ein weiterer Fußpilger ist angekommen, Rafael, Italiener. Kann weder Englisch noch Deutsch noch Französisch, und Spanisch nur drei Brocken. Spannende Kommunikation!
Der ist heute von León gekommen! 40 Kilometer!! Das fiel mir im Traum net ein ...
Huch das war grad ein Schauspiel: ein kleiner brauner Vogel zischt im Affenzahn im Tiefflug durch den Innenhof und ein ganzer Pulk weiterer kleiner brauner Vögel hinterher. Das hab ich ja auch noch nie gesehen. Wie in „Marundes Welt“! Und mit einem unglaublichen Krach! Witzig!!

Montag, 12. April 2004

Tag 8.
24 Kilometer bis Santa Catalina de Somoza! Und immer noch das Knie ... Bin um viertel nach acht mit dem Italiener zusammen los, war superschön zu gehen, durch Felder und Wälder, hügelig, blauer Himmel, toll! Allerdings auch zweimal sehr steil bergauf und bergab. Dachte, ich packs net, bin wirklich in Zeitlupe da runter gewackelt. Aber ging eben doch. Belohnt wurden wir mit einem grandiosen Blick auf Astorga und die Montes de León. Einmalig.
Astorga selbst war nicht so toll, wie ich erwartet hatte, der Weg raus schonmal gar nicht. Aber dann vom nächsten Ort hierhier war es atemberaubend schön. Rote Erde, knatschgrünes Gras, blauer Himmel und die Berge. Phantastische Kulisse! Und jetzt bin ich hier mit drei anderen Deutschen und immernoch strahlender Sonnenschein. Deswegen geh ich auch jetzt mal raus!

Ja, ich brate immernoch. Jetzt habe ich gerade „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ zu Ende gelesen, wo der Hund Karenin eingeschläfert werden muss, da taucht hier ein Pilger mit einem zwei Monate alten Welpen auf. Knuffig! (Beide!) Der Hund ist ein kleiner Raufbold und hat mir erstmal die Socken aus den Wanderschuhen geklaut.
Markus, einer der anderen Deutschen, sitzt gerade neben mir und kritzelt auch in seinem Buch. Ich fühl mich sauwohl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Groß Gedanken, die ich mir hier wegen dem bevorstehenden Praktikum und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten, besonders finanzieller Art, machen wollte, hab ich mir noch net gemacht. Es ist irgendwie so weit weg und das Jetzt und Hier ist viel wichtiger. Es ist ja schließlich Urlaub.
Beobachte gerade den Pilger, wie er seinen Hund (Chara (ch wie in „hoch“)) füttert. Die zwei lieben sich, das merkt man richtig. Angesichts des eher groben, eckigen Äußeren des Pilgers glaubt man gar nicht, dass er so liebevoll mit einem kleinen Hund umgeht. So kann der Schein trügen, und das tut er oft. Neben dem Hören auf unsere innere Stimme haben wir auch das Sehen des Wesentlichen verlernt.
Stelle fest, dass mir hier nichts fehlt. Diese Einfachheit hier ist so schön. Keine Sorgen außer bezüglich schlafen, essen, trinken und der Gesundheit. Also alles Existenzielle. Müsste man mal für länger als nur ein paar Wochen erleben ...

Dienstag, 13. April 2004

Tag 9.
Ein Tusch, bitte, ich habe heut die 30 Kilometer gepackt! Allerdings unfreiwillig. Heut morgen tat mein Knie wieder mehr weh als die Tage davor. War aber nicht so schlimm, weil das erste Stück auf ner Piste schön zu gehen war, immer die Berge im Blick, war toll! Erinnerte an die Herr der Ringe – Landschaft, an Rohan. Fand ich. Dann ging’s aber erst mal für eine Stunde ab auf die Landstraße. Ich hatte überhaupt gar keine Energie und konnte zwar hinterher normal gehen, aber mir war auf einmal der Rucksack viel zu schwer ... Hatte nicht anders gepackt, als sonst, aber er zog nach unten und die Gurte schnitten richtig in die Schulter, zumindest fühlte es sich so an. Dann hatte ich kurzzeitig überlegt, in Rabanal zu bleiben. War aber erst elf Uhr und das ging irgendwie nicht. Außerdem machte die Herberge erst um 15 Uhr auf. Hab mich dann im Supermarkt mit einem Obst- und Schokoladenfrühstück versorgt, kurz pausiert und bin weiter. In Foncebadon sollte es ja auch eine neue Herberge geben. Aber erstmal hinkommen! War zuerst ganz schön, über Feldpfädchen durch schulterhohen Ginster. Dann gings aber ab auf die Landstraße, was dann weniger schön war. Naja die Kulisse war schon toll, immer die Berge am Horizont. Aber wieder auf Teer zu gehen war schlichtweg nur ätzend.
Dann Ankunft in Foncebadon, es war heiß, die Sonne brannte, kein Wind – Herberge zu. Und da der Ort halb verlassen ist, hab ich auch nach einer halben Stunde warten niemanden getroffen, der mir hätte sagen können, ob die noch geöffnet wird oder nicht. Gut, es war kurz nach halb eins, also kurzerhand weiter. Erst mal wieder ganz angenehm durch Felder, einmal über die Straße und dann auf eine Piste neben der Straße. Direkt zum Cruz de Ferro. Hier steht in einem hohen Haufen loser Steine ein fünf Meter hoher Baumstamm, worauf ein Eisenkreuz montiert ist. An dieser Stelle ist es eine Art Tradition, sich symbolisch von einer Last, oder einem Laster, zu befreien, was eben durch einen Stein geschieht, der auf den Haufen gelegt wird. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass eine deutsche Reisebustourigruppe dort Halt machte. Die sind dann ganz stolz mit den gerade gesammelten Steinen da hoch und haben sich fotografieren lassen. Ich hätt kotzen können. Und laut waren die und eben so typische deutsche Bustouri-Senioren. Ätzend! Selbst wenn ich einen Stein gehabt hätte, wär mir das zu blöd gewesen, mich da einzureihen.
Dafür hab ich den Pilger mit dem Hund wiedergetroffen und eine Weile mit ihm auf der Wiese rumgelegen und in die (wenigen) Wolken geguckt. Chara hat natürlich alle Blicke mit vielen „ooooh“s und „aaaaaah“s auf sich gezogen. Bald stiefelte ich dann auch schon wieder los, angenehm über Pfade nicht weit weg von der Straße. Leider „verfolgte“ mich da eine Tourigruppe. Is ne unglaubliche Leistung, aus einem Bus zu steigen und dann zehn Minuten ein Stück Jakobsweg zu gehen. Ich hör schon wie die Rentner-Gang das ganz stolz beim Stammtisch erzählt. Und von den Begegnungen mit „echten Pilgern“.
Tief durchatmen ...
Irgendwann war der Pulk dann weg und ich hatte wieder meine Ruhe. Kam kurze Zeit später in das verlassene Dorf Manjarin, wo es nur eine sehr urig (aber auch schmutzig) aussehende Herberge gibt. Weiter gings wieder schön durch Feld und Wald vor grandioser Kulisse, dann aber wieder Asphalt, zum Teil steil bergab. Nach etwa anderthalb Stunden zweigte ein Trampelpfad nach El Acebo ab, sehr steil runter, sehr steinig. Für die letzten 100 Meter da runter hab ich zehn Minuten gebraucht. Teilweise rückwärts auf allen Vieren ...
Ja und jetzt bin ich hier. Frisch geduscht, momentan pochen meine Füße und Knie fast unerträglich, aber: Ich bin hier! Habe acht Stunden inklusive einmal 15 und einmal 20 Minuten Pause gebraucht. Dat is schon in Ordnung! Muss mich echt nochmal selbst loben!
Oh, hier ist ein exhibitionistischer Österreicher! Hatte beim Duschen sämtliche Türen auf und sich in aller Ruhe hier im Schlafraum angezogen. Die Herberge ist wieder voll; die Tussi neben mir hat lackierte Zehennägel. Wie affig! Wie eitel kann man denn sein, wenn man seine Füße eh jeden Tag in dreckige schweißgetränkte Wanderschuhe steckt?

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