Jakobsweg 2003

Auf Pilgerschaft - wie es begann

Das erste mal vom Jakobsweg gehört habe ich in der "Young Miss" 06/2000, da gab es eine kleine Reisereportage, welche mich total begeisterte. Der Gedanke "Mensch, das muss ich unbedingt mal machen", setzte sich in meinem Kopf fest. Doch trotz dieser Begeisterung, die der Artikel bei mir auslöste, dauerte es noch über zwei Jahre, bis überhaupt der Entschluss zur Planung gefasst war. Und das auch erst, nachdem ich im August 2002 einer heimgekehrten Pilgerin lauschte, die ihre Erlebnisse und Eindrücke schilderte. Ich war vollends Feuer und Flamme. Es dauerte dann noch mal bis Dezember, und ich hatte mir meinen Reisezeitraum ausgesucht: Anfang April 2003. Ich plante drei Wochen, um einfach zu gucken, ob das was für mich ist, ob ich das körperlich packe, und mit der Option, doch früher wieder umzukehren, falls ich mich da übernommen haben sollte.
Anstatt weiter zu planen, ließ ich alles mehr oder weniger auf mich zu kommen. Ich hatte meinen Flug von Hahn nach Barcelona, und ich wusste, ich wollte in Pamplona starten und möglichst in Burgos ankommen. Soweit so gut. Meinen Pilgerpass beantragte ich im Januar, und die Ausrüstung lieh ich mir von Freunden und Verwandten.
Tatsächlich bin ich ohne Wanderschuhe, nur in Straßenschuhen gewandert, und musste mir vor Abreise von vielen Ecken Zweifel und Bedenken anhören. Ich aber hatte keine Lust, noch länger still zu stehen. Ich war gerade 20 geworden, hatte einige berufliche Orientierungsprobleme hinter mir, die Schule kurzerhand perspektivlos geschmissen, und war noch nie wirklich „raus“ gekommen, allenfalls als Pauschal-Tourist.
Letztlich war es mir dann auch egal, was die Leute (Familie, Freunde und Kollegen) sagten, die Zeit bis zum Reisebeginn fing an zu rasen und schon bald waren alle Kommentare vergessen ...

Sonntag, 30. März 2003

Anreise.
Mein erster Eintrag aus Spanien. Ich bin tatsächlich hier. Der Mut hat mich am Flughafen verlassen, aber kneifen kam natürlich nicht in Frage. Nun sitze ich also an der estación de autobuses in Barcelona Sants und warte noch 1 ¾ Stunden auf meinen Bus nach Pamplona.
Der Flug war einigermaßen ok, Landung durch dicke Quellwolken ... Hauptsache der Rucksack ist heil hier bei mir! Das mobile Zuhause für die nächsten Wochen!
Ich bin also von Girona Flughafen per Taxi zur estación de autobuses nach Girona gefahren – für stolze 17 Euro für 15 Minuten Fahrt! Und da waren dann bis auf einen alle Schalter geschlossen, und die Frau, die hinter dem einzigen offenen saß, konnte oder wollte mir nicht helfen. Ich wurde ja gewarnt, dass die Spanier kein Englisch sprechen, und auch selten Französisch. Und dann besonders hier, wo Baskisch Amtssprache ist, stößt man als offensichtlicher Tourist auf extra taube Ohren ...
Nachdem ich dann ungefähr 30mal hektisch zwischen Busbahnhof und Bahnhof hin und her geflitzt bin, hab ich mir im Geiste einen Tritt in den Hintern gegeben, und mich am Bahnhof mit einem Englisch- Französisch- Deutsch- Spanisch-Mix erkundigt, wie ich am besten wegkomme. Dort wurde mir mitgeteilt, dass um 13 Uhr ab Barcelona Sants ein Zug nach Pamplona fährt. Daraufhin bin ich mit dem Zug – für nur 5,75! – von Girona aus nach Barcelona Sants gefahren. Da war dann prompt der Zug für 13 Uhr voll und ich hab in meiner Not ein Ticket für den um 22:30 Uhr genommen. Bis mir dann einfiel, dass es ja auch in Barcelona eine große Busstation geben müsse. Die dann prompt nur drei Schritte vom Bahnhof aus weg war. Ja, und da hab ich dann ein Busticket für 15:45 Uhr gekriegt. Toi toi toi! Falls ich den aus unerfindlichen Gründen nicht kriege, kann ich immer noch den Zug nehmen! Hoffentlich klappt das alles!!!!

Montag, 31. März 2003

1. Tag.
Soooo, also, ich liege jetzt im Garten der Pilgerherberge in Puente la Reina in der Sonne, bin frisch geduscht, hab die Klamotten gewaschen und mir drei Blasen gelaufen. Die Einlage für die linke Ferse ist schon gerissen. Nach nur einem Tag. Das ist mal ein Negativrekord.
Dafür bin ich aber echt richtig gut gelaunt und stolz, nach 23km Fußmarsch! Klar war’s anstrengend, aber die atemberaubende Landschaft machte viel wieder Wett!
Aber erst mal der Reihe nach:
Den Bus hab ich gestern also gekriegt, Platz 34. Neben mich setzte sich ein Mädel, die mir wegen Reiserucksack und Isomatte schon vorher aufgefallen war. Schnell stellte sich heraus, dass war den gleichen Weg vor uns hatten. Sabrina hatte sich drei Tage vorher kurzfristig dazu entschieden.
Nach fünf Stunden Busfahrt kamen wir also um 21 Uhr in Pamplona an, wo wir nach 45min herumirren (wir Orientierungsgenies) auch dann die Herberge fanden. Die dummerweise verschlossen war mit dem Hinweis, die nächste sei in Cizur Menor. Da ich nötigst aufs Klo musste und Sabrina von insgesamt 25 Stunden Busfahrt Rückenschmerzen hatte, ließen wir Pamplona so gut wie unbesichtigt per Taxi zurück. Naja es war ja eh dunkel ...
Die Herberge in Cizur war offiziell dann auch schon geschlossen, doch die liebe Herbergsmutter nahm uns noch auf und richtete zwei Notbetten her. Wir bekamen dann unseren ersten Stempel in die Pilgerpässe und konnten in die Schlafsäcke kriechen.
Und heut morgen um acht Uhr ging’s dann richtig los. Von Cizur Menor über Zaraquiegui (oder so), über den Berg der Windräder, runter nach Uterga und Muruzabal, wieder hoch nach Obanos und querfeldein hierhin. Der Weg war teilweise holprig-steinig-steil, und nicht wirklich einfach zu gehen. Aber sehr schön war’s, friedlich, mitten durch richtig schöne Landschaft. Und, was sofort auffällt, im Vergleich zu Deutschland: Dieses Land strahlt eine Ruhe und Entspannung, nein: Entspanntheit aus, wie es sie bei uns nicht geben könnte. Wir gehen jetzt einkaufen, und dann gibt es ein improvisiertes Mahl im wunderschönen Garten der Pilgerherberge!

Mittwoch, 02. April 2003

3. Tag.
Wahnsinn, gestern war ich so fertig, da konnte ich nicht mehr schreiben.
Wir sind von Puente aus um neun Uhr gestartet, ich hatte Schmerzen in den Füßen, Knien und Knöcheln und brachte schon am Anfang überhaupt keine Energie auf. Dann ging es auch noch direkt über Bergpfade hoch und runter (aber mehr hoch!). Und dank der Blasen, die in nur einer Nacht eben nicht heilen können und auch Compeed kein wirkliches Wundermittel ist, brannte kurze Zeit später jeder einzelne Schritt wie Feuer. Dann war auch die Strecke nicht ganz so schön, viel an der N-111 lang. Eindrucksvoll war die halb verfallene Römerbrücke und auch die ehemalige Römerstraße, auf deren Resten es sich allerdings nur mühsam lief. Als ich dann endlich abends in Estella war, war ich über einen erträglichen Grad an Erschöpfung schon hinaus. Das Örtchen Estella selbst wird von einem Fluss geteilt, über den eine kleine, aber sehr sehr steile und spitze Brücke führt. Sieht interessant und markant aus, das Überqueren hat aber Mühe gekostet ...
In der Herberge bekam ich prompt nur das letzte freie Bett, das 18. nämlich; es war total eng (neun Hochbetten auf etwa 20qm) und das Bett sehr unbequem.
Ich muss sagen, ich hab mich gnadenlos überschätzt. Da ich sowieso keine Sportskanone bin, und mich nie auch nur für Spaziergänge begeistern, geschweige denn aufraffen konnte, ist meine Wanderung hier eine Leistungssteigerung um mindestens 200 % ...
Wenigstens ergaben sich gestern abend in der Herberge nette Gespräche mit den anderen Fuß- und auch Radpilgern. Eine kleine, internationale Runde, und jeder ist gleich. Auch das ist eine Erfahrung, die man wohl sonst kaum machen kann.

Sabrina und ich sind also heute morgen erst mal zusammen los. Zu den Bodegas de Irache, der einzigen kostenlosen Weinquelle der Welt! Einfach so konnte man sich Wein zapfen! Dummerweise war es erst neun Uhr morgens und wir hatten noch nichts gegessen, also haben wir den – sehr leckeren aber sehr starken – Wein nur in geringer Menge genossen.
Dann ließ ich mich ein bisschen zurückfallen, weil die zwei Spanier, die sich uns angeschlossen hatten, nicht so ganz mein Fall waren. Ich wollte einfach alleine wandern, meinen Gedanken nachhängen, Ruhe genießen, und mit einem ständigen Redner dabei ging das eben nicht.
Weiter ging es also durch eine schöne Berglandschaft, durch Felder und Wälder (bei konstantem Nieselregen), bis in das Dörfchen Azqueta. Dort traf ich auch Sabrina wieder, die von einem Einwohner zwei Jakobsmuscheln bekommen hatte, von denen sie mir wiederum eine schenkte. Mein neuer Talisman.
Während die anderen aufbrachen, pausierte ich noch zehn Minuten, es war allerdings neben dem Regen auch noch biestig windig (genau, und gestern noch über die Sonne meckern ...), so dass mir bald zu kalt war und ich weiterging. Meinen Füßen ging es den ganzen Tag wesentlich besser als gestern, trotzdem merkte ich immer noch jeden Schritt. Jedenfalls gings dann weiter über Feldwege (eindrucksvoll: Die Burgruine von Monjardin und der Maurenbrunnen) bis nach Villamayor de Monjardin.
Und hier lieg ich jetzt in der Herberge, bin noch alleine. Ist echt knuffig hier, die freiwilligen Herbergseltern sind Holländer, die sind wahnsinnig nett und herzlich. Ich bin für morgen guten Mutes!

Tja, das mit dem Alleinsein war schnell erledigt. Erst kam Johann, ein Österreicher, der zwar sehr nett, aber (leider) auch unglaublich kommunikationsbedürftig ist ... Und gerade kamen noch Lea und James, zwei Australier. Wahnsinn, wie viele Menschen verschiedener Länder man hier trifft. Bis jetzt waren es, in nur drei Tagen, sehr viele Deutsche, Franzosen, Spanier, Italiener, Engländer, ein Mexikaner und jetzt eben zwei Australier. Cool.
Die Gründe, warum die Leute hier pilgern, sind so vielseitig wie ihre Herkunft: Der Johann zum Beispiel, der hat seinen Job geschmissen und will sich umorientieren. Der Spanier von heut morgen war sehr kulturinteressiert. Barbara aus Frankfurt geht den Weg schon zum zweiten Mal, weil sie bei dem monotonen Gehen in der oft wirklich atemberaubenden Landschaft gut nachdenken kann, bzw. ihre Gedanken nie so „fliegen“ wie hier. Ja und der Deutsche, der seit Jahren beim ADAC in Barcelona arbeitet, fährt die Strecke mit dem Rad tatsächlich aus religiösen Gründen.
Total schön ist, dass man sich so gut mit jedem direkt unterhalten kann, und fast alles per du. Und wenn halt die Sprache nicht klappt, dann mit Händen und Füßen!
Unsere Herbergseltern finde ich einfach großartig. Tolle Menschen! Der einzig passende Ausdruck, der mir einfällt, ist „bereichernd“. Essen gab es gemeinschaftlich im Esszimmer des Privathauses, von dem aus man einen wunderbaren Blick über die Landschaft hat. Und im offenen Kamin knisterte ein Feuer. Wir waren also vier Pilger und vier Herbergsbetreuer. Wir haben uns sehr interessant unterhalten und ich find es toll, dass die Holländer, die alle an die 70 sind, so gut Englisch können. Sie haben eine Menge erlebt, auch natürlich durch den Krieg, und nahmen uns mit, auf ihren eigenen, lange zurückliegenden, Jakobus-Wanderschaften. Toll!

Donnerstag, 03. April 2003

4. Tag
Es ist mir heut morgen sehr schwergefallen, wieder aufzubrechen. Ich hatte ein richtig mulmiges Gefühl. Es gab dann das erste mal seit meiner Ankunft in Spanien ein vernünftiges Frühstück mit Baguette, Käse (und Wurst), Marmelade, Tee, Kaffee + heißer Milch. (Nicht, dass ich mir das nicht hätte selbst besorgen und zubereiten können, ich habe nur aus Bequemlichkeit darauf verzichtet ...) Ja, dann gab es einen herzlichen Abschied und weiter ging es auf dem Camino. Der Abschnitt bis Los Arcos – wo ich jetzt gerade auf einer Bank sitze und pausiere – war unglaublich schön. Es war zwar schweinekalt mit konstantem Nieselregen, aber landschaftlich der Wahnsinn, auch weil ich tatsächlich die 13km alleine war. Bis auf einmal, da hat mich ein gebürtiger Engländer überholt, der jetzt Ami ist, und sich für beides schämt! Wer glaubt, er könne auf diesem Weg dem weltpolitischen Geschehens entfliehen, der irrt!
Jedenfalls ist es jetzt wieder sonnig, aber der Wind fegt mir fast sturmartig um die Nase. Werd gleich noch weiter nach Torres del Rio gehen!

Geschafft! Liege im Bett in der Herberge in Torres del Rio! Die Herberge ist ganz schön, aber mit sechs Euro absolut überteuert. Es gibt keine Küche, keinen Aufenthaltsraum und nicht genügend Duschen. Zumindest, wenn mehr als drei Pilger da sind. Ah ja, und Stehklos ... Also auch nicht sehr frauenfreundlich. Im Restaurant soll es ein Pilgermenü geben, vielleicht nehm ich das ja.
Ansonsten wars landschaftlich mal wieder ganz schön, allerdings haben mich diese zammeligen acht Kilometer echt fast geschafft. Auf einmal war sie weg, die ganze Energie, und zwar wirklich schlagartig. Ich lerne hier gerade, was es heißt, zu müssen, auch wenn man nicht mehr will.
Trotzdem: die schönste und beste Reise, die ich jemals unternommen habe! Vielleicht ja auch gerade deswegen. Es ist schon ein gutes Gefühl, jeden Tag ein bisschen über sich hinaus zu wachsen!

Freitag, 04. April 2003

5. Tag.
Ich hab es bis Logrono geschafft! Ohne größere Probleme! Meine Füße schmerzen wesentlich weniger als gestern, meine Knie ebenfalls. Und ich habe problemlos alle für heute benötigte Energie aufgebracht!
Landschaftlich war der erste Teil sehr schön zu gehen, durch Bergland nahe der Nationalstraße, von der man aber irgendwann nichts mehr hörte. Habe heut morgen auch nach Jahren noch mal einen Sonnenaufgang gesehen – toll! Und das in einem Gebiet, das irgendwie an einen amerikanischen Nationalpark erinnerte, wie man ihn aus Dokus kennt.
Ich war auch dann schon um elf Uhr in Viana, wo ich Pause machen wollte, aber es war mal wieder zu kalt. Bin in ein Café geflüchtet und hab mir einen Cappuccino genehmigt, bevor es wieder weiterging.
Logrono selbst scheint ganz schön zu sein, die Strecke hierhin war aber ziemlich doof, nur Asphalt und ständig längs der Nationalstraße. Dafür ist die Herberge wiederum der Wahnsinn. Supergemütlich, mit drei Euro sehr günstig, richtig heiße und geräumige Duschen, Betten mit Nachttisch und Steckdose, Waschmaschine und Trockner. LUXUS PUR!
Werd jetzt schnell meine Schmutzwäsche waschen, was einkaufen und – entspannen!
Ach ja: Hier ist schon wieder n Ösi. Und die Engländerin (oder Ami?) (die hab ich am ersten Tag in Puente getroffen, und ein „hallo“ und ein Lächeln gewechselt), ist hier. Musste wegen Knieschmerzen einen Tag pausieren. Tja, so sieht man sich wieder! Frage mich allerdings, wo Sabrina gerade steckt!

Der Österreicher ist sehr nett, als ich in der Küche meine Spaghetti gekocht hab, kam er herein und bot mir direkt einen ganz hervorragenden Wein an. Im Gegenzug hab ich ihm einen Teil von meinen frisch gekauften Fertigspaghetti gegeben.
Wir haben uns richtig gut unterhalten. Dieses Verständigungsproblem zwischen den Generationen, das gibt es hier gar nicht. Jeder redet mit jedem, jeder akzeptiert jeden, jeder versteht tatsächlich jeden. Der Mann ist bestimmt 60, die andere Deutsche aus Estella schon älter. Die fand ich auch mutig, die will den ganzen Weg gehen, alleine! So möchte ich auch sein, wenn ich mal 60 bin!!
So, nun hoffe ich, dass die Wäsche noch trocknet! Meinen Berechnungen (jaaa, Berechnungen!!) zufolge brauch ich noch etwa acht bis zehn Tage bis Burgos. Aber das ist etwas, worüber ich mir vielleicht einfach keine Gedanken machen sollte. Zeit, die spielt hier nämlich keine Rolle. Und auch das fühlt sich unheimlich gut an!

Samstag, 05.April 2003

6. Tag.
Sooo, liebes (Reise)Tagebuch, jetzt weiß ich auch, was 30km sind! Bin fix & fertig! Start war heute morgen um 7:15 Uhr in Logrono, angekommen bin ich mit insgesamt 45 Minuten Pause um 16:15 Uhr!
Die Strecke heute war absolut doof. Es ging nur an der Autobahn lang, sehr viel Asphalt. Auf dem Weg durch die Weinberge brannte dann wieder die Sonne, gleichzeitig musste ich aber permanent gegen den verdammt starken Wind angehen, das hat viel Kraft gekostet. Mein Gesicht gleicht einer Ampel und fühlt sich dementsprechend an ...
Die 17 Kilometer von Navarrete nach Najera waren echt eine Qual. In Navarrete selbst, 13 Kilometer hinter Logrono, ging es mir (wieder) total gut, so dass ich weiterging. Aber drei Kilometer später ging echt nix mehr.
Aber dafür, dass ich gerade noch wirklich extrem erschöpft, verschwitzt, total knatschig und schlecht gelaunt war, geht es mir jetzt wieder ganz hervorragend. Im Bett neben mir liegen Franzosen, die sind total nett; obwohl es ja allmählich schwierig ist, zwischen Englisch, Französisch und meinen drei Brocken Spanisch hin und her zu schalten! Wir sollten eine internationale Zeichensprache erfinden! Apropos Zeichensprache: Das einzig positive an der Autobahn und Nationalstraße längs sind die freundlichen Grüße der Auto- und LKW-Fahrer: kurz hupen und Daumen hoch ausm Fenster. Das motiviert!
Die Herberge ist – dem Dumont-Reiseführer zum Trotz – total schön, hell, und gemütlich. Der Herbergsvater trägt sogar die Rucksäcke hoch! Ansonsten gefiel mir Najera nicht so gut. Auch von den Leuten her. Irgendwie ... unpersönlich. Das ist in den größeren Orten häufig der Fall, in den kleineren Dörfern dagegen, und natürlich in den Herbergen, wird man aber freundlich und herzlich aufgenommen.
Dass ich heute hier bin, heißt auch, dass ich über die Hälfte meiner geplanten Strecke geschafft habe. Ich bin einigermaßen beeindruckt! 126,5 Kilometer! Das heißt, es liegen noch 97,5 Kilometer vor mir.
Was ich bis jetzt vermisse, ist das „Spirituelle“ auf diesem Weg.
Ein paar Mal war’s da, aber es verschwand immer wieder. Wo bleiben die Glücksgefühle, auch wenn man neben der Autobahn durch Industriegebiet läuft? Vielleicht kommt das ja noch ...
Jedenfalls bin ich schon viel weniger pingelig geworden, ich lege mich nicht mehr mit Schlafsack auf Matratze und Kopfkissen ins Bett, sondern ohne. Vor Kurzem noch hätte ich allein bei dem Gedanken Juckreiz bekommen. Aber das stellt sich nun als klassische „Anstellerei“ heraus!

Sonntag, 06. April 2003

7. Tag.
Habe ganze sechs Kilometer geschafft!!!!!!!! Rekordverdächtig ... !! *lach*
Bin jetzt in der Herberge in Azofra, die sich in der Kirche befindet, wo wiederum gerade gesungen wird, was man hier total schön hört. Da wars wieder, das „Spirituelle“. Wahnsinn. Habe gerade in den Büchern der Herberge geblättert, eins hat die Zeilen der Pilger in Logrono veröffentlicht, das andere ist von hier. Habe einige schöne Sachen gelesen, die ich hierhin übernehmen möchte!

Sophie aus England schrieb am 26.05.98: „Please give me wings tomorrow!” Kommt mir bekannt vor!
Anna Marai aus der Schweiz schrieb am 07.05.02:
„Seinen Weg gehen. Seinen eigenen Weg. Damit du Spuren hinterlässt und nicht nur Sand.“

Einmal habe ich hier Bilbos Lied gelesen, total schön!

Christine aus Österreich schrieb am 18.05.02:
„Eine Woche am Weg. Viel erlebt. Ballast abwerfen, zurücklassen und per Post zurückschicken. Das Gepäck, die Gedanken werden leichter. Ob ich in Santiago „einfliegen“ werde? Der Weg – Aufbrechen, unterbrechen, nicht abbrechen, daran nicht zerbrechen und unter der Last nicht zusammenbrechen! Irgendwann ankommen, um wieder aufs Neue aufzubrechen. ...“

Am 19.05.02 schrieb jemand aus Köln:
„Der Weg ist das Ziel, der Abend des Lebens liegt vor mir, deshalb heißt es Danke zu sagen.“

Es ist jetzt erst halb zwei, bin mal gespannt, ob noch ein paar Pilger hierher finden! Habe auch Dona Maria, von der alle so schwärmen, noch nicht kennen gelernt. Bereite mich momentan seelisch auf morgen vor. Ob alles klappt, nach der „Pause“ heute? Ist schon komisch, jetzt schon die Hälfte geschafft zu haben. Die nächsten sechs Tage werden bestimmt sehr schnell vergehen. Einerseits freu ich mich wieder auf zuhause (vor allem darauf, wieder allein in einem Zimmer zu schlafen), andererseits genieße ich es, der Zeit beim verstreichen zuzugucken. Bin gespannt, wies weiterhin wird!

Jetzt hab ich doch ganz vergessen, die drei von heute morgen zu erwähnen! Also, als ich um zehn Uhr hier ankam und die Herberge betrat, waren gerade drei Leutchen dabei, Frühstück zu machen. Um zehn Uhr!!! Wo andere schon mindestens zwei Stunden unterwegs sind!
Sehr vernünftig, eigentlich. Die nahmen sich alle Zeit der Welt. Gestern kamen sie auch nur aus Najera, sind um neun Uhr dort los und kamen um 13 Uhr hier an. Viereinhalb Stunden für ganze sechs Kilometer – das ist doch mal ein Rekord!
Außerdem habe ich gerade eine hochträchtige kleine graue Katze mit riesengroßen blauen Augen gesehen. Süüüüüß!

Montag, 7. April 2003

8. Tag.
Habe die Herberge schlechthin gefunden, nämlich die in Granón. Die ist im Kirchturm untergebracht, hat das schönste Badezimmer, das ich bis jetzt auf dem Camino gesehen habe, und einen sehr schönen Aufenthaltsraum mit offenem Kamin. Und eine sehr gut ausgestattete Küche. Geschlafen wird auf turnmattenähnlichen Matratzen auf dem Boden – sehr urig! Anna aus Stockholm ist hier für zwei Wochen freiwillige Herbergsmutter, hospitalera voluntaria, eine sehr liebe Person, spricht fließend akzentfrei Englisch und Spanisch. Sie ist allerdings wiederum sehr extrem spirituell eingestellt. Hat den Weg auch in zwei Urlauben gemacht. Schön finde ich, dass hier der Pater, „padre“ tatsächlich noch der „Chef“ ist und gelegentlich nach dem Rechten sieht und auch mit den Pilgern isst; er hält eigentlich die tägliche Pilgerrunde hier zusammen. (Und er sieht auch noch verboten gut aus, eine Mischung aus George Clooney und Al Pacino, was für eine Verschwendung!) Er hat auch so eine erhabene, würdevolle, warme Ausstrahlung, wirkt sehr präsent. Faszinierend ...

Und dann habe ich heute in Santo Domingo de la Calzada etwas gefunden, womit ich in der Art eigentlich nicht gerechnet habe – mich! Ich war tatsächlich streckenweise so glücklich wie noch nie in meinem Leben. Als wäre ich geschwebt. Absolut frei, unabhängig, nur für mich selbst verantwortlich, eigentlich, ja eigentlich gibt es hier auch nur mich, keine Sorgen um irgendeine soziale Struktur, keine Verabredungen einhalten „müssen“, kein neuster Cliquen-Tratsch. Und auch keine nervenden Probleme anderer Leute. Das klingt unglaublich egoistisch, ist aber einfach eine nie gekannte Freiheit und Leichtigkeit.
Landschaftlich war’s einmalig schön, und ich hatte heute morgen um viertel vor sieben den Sonnenaufgang im Rücken und ein tolles, intensiv dunkelblau-dunkelrotes Farbspiel vor Augen! In Santo Domingo hab ich mir in der Herberge noch einen Stempel für den Pilgerpass geholt. Die Herberge sah gut aus, ich war schon versucht, dazubleiben, aber irgendwie zog es mich dann doch weiter.
Ich war natürlich vorher in der Kathedrale, beim Hühnerkäfig. Da sitzen also wirklich ein schneeweißer Hahn und eine ebenso schneeweiße Henne drin. Gekräht hat der Hahn leider nicht! Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte das Glück für meine weitere Reise bedeutet. Aber das habe doch eh schon!!
Die dann folgende Strecke war allerdings leider wieder doof, nur an der Straße lang. Dann wurde es sehr heiß und ich wieder sehr knatschig und der Zauber von heute morgen war weg. Ich hoffe ich finde ihn morgen auf dem Weg nach Belorado wieder! Jetzt heißt es erst mal: Ab in den Schlafsack!

Dienstag, 08. April 2003

9. Tag
So, nun ist also das passiert, worauf ich insgeheim gewartet habe: im rechten Oberschenkel tut mir links neben dem Knie ein Muskel so weh, dass ich nicht einen Schritt mehr gehen kann. Am neunten Tag! So was passiert doch eigentlich am Anfang! Habe mich heut morgen ab Redecilla noch drei Kilometer weiter gequält, danach ging dann gar nichts mehr. Als der Weg wieder an die Nationalstraße ranführte, hab ich mich erst mal bei einem Schild hingesetzt und geheult, einerseits, weil’s echt höllisch weh tat, andererseits, weil ich dachte, ich könnte die restlichen Tage abhaken. Ich habe mit Tigerbalsam geschmiert und gecremt, und liege jetzt dank einer sehr netten Spanierin, die mich bis Belorado im Auto mitgenommen hat, hier in der provisorischen Herberge (die richtige, die im alten Theater, wird gerade renoviert, hatte mich gefreut, da zu schlafen, aber Pech) und leg mein Bein hoch. Habe auch nichts verpasst, der weitere Streckenverlauf war parallel zur Straße ... Hoffentlich kann ich morgen wieder weiter ....
Gestern Abend in Granon tauchten zwei Israelis, die auch schon in Azofra waren, wieder auf und haben superlecker vegetarisch gekocht. War total ok, allerdings gingen mir die ganzen Religionsgespräche nach einiger Zeit auf den Keks, und über den Irakkrieg musste ich dann auch nicht unbedingt reden. Tja wie gesagt, man bleibt hier vom Weltgeschehen nicht „verschont“!
Und nach dem Essen hat der Pater uns zum abschließenden Abendgebet eingeladen. Ich als Atheist bin dann nicht mitgegangen, was vermutlich dem padre gegenüber unfreundlich war, aber diese Religion ist einfach nicht die meine, sosehr ich die christlichen Werte auch schätze.

Nachdem ich gerade meine Wäsche gewaschen hatte, tauchten die zwei Isrealis schon wieder auf. Hm, bei denen ist alles ein bisschen Schema F, als ob sie bei Begegnungen mit anderen eine Platte abspielen ... Nun denn. Mal etwas wirklich Erfreuliches: Mein Bein wird besser und besser, es wird wohl morgen gehen! Wir sitzen hier momentan in einer gemütlichen, fast vertrauten Runde, die Atmosphäre ist sehr entspannt, regelrecht wohltuend. Neben den Israelis (Efi und Shai, oder so) sind hier noch eine Spanierin, ein Brasilianer, ein Spanier aus Barcelona und ein witziger Engländer. Es ist schön, mit diesen flüchtigen Bekannten hier zu sitzen und sich auszutauschen. Jeder hat denselben Weg sowohl hinter, als auch vor sich. Das verbindet. Das ist sozusagen unser gemeinsamer Nenner. Wir sind hier und heute schon eine echt angenehme Konstellation. Und sooft man gesagt kriegt, dass das Zusammenleben in einer Gruppe viel von einem selbst abhängt, ist es aber genauso richtig (oder noch viel richtiger) zu sagen, dass es eben immer auch auf die anderen ankommt. Ich bin immer recht schnell mit meinem Urteil über andere Menschen, quasi aus dem Bauch heraus. Aber ich hab mich bis jetzt auch selten geirrt. Ich bin durchaus froh, allein unterwegs zu sein. Aus gesundem Egoismus heraus.

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Credits: "Odin" by Laika Altenburg Laursen .

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