3. Tag.
Wahnsinn, gestern war ich so fertig, da konnte ich nicht mehr schreiben.
Wir sind von Puente aus um neun Uhr gestartet, ich hatte Schmerzen in den Füßen, Knien und Knöcheln und brachte schon am Anfang überhaupt keine Energie auf. Dann ging es auch noch direkt über Bergpfade hoch und runter (aber mehr hoch!). Und dank der Blasen, die in nur einer Nacht eben nicht heilen können und auch Compeed kein wirkliches Wundermittel ist, brannte kurze Zeit später jeder einzelne Schritt wie Feuer. Dann war auch die Strecke nicht ganz so schön, viel an der N-111 lang. Eindrucksvoll war die halb verfallene Römerbrücke und auch die ehemalige Römerstraße, auf deren Resten es sich allerdings nur mühsam lief. Als ich dann endlich abends in Estella war, war ich über einen erträglichen Grad an Erschöpfung schon hinaus. Das Örtchen Estella selbst wird von einem Fluss geteilt, über den eine kleine, aber sehr sehr steile und spitze Brücke führt. Sieht interessant und markant aus, das Überqueren hat aber Mühe gekostet ...
In der Herberge bekam ich prompt nur das letzte freie Bett, das 18. nämlich; es war total eng (neun Hochbetten auf etwa 20qm) und das Bett sehr unbequem.
Ich muss sagen, ich hab mich gnadenlos überschätzt. Da ich sowieso keine Sportskanone bin, und mich nie auch nur für Spaziergänge begeistern, geschweige denn aufraffen konnte, ist meine Wanderung hier eine Leistungssteigerung um mindestens 200 % ...
Wenigstens ergaben sich gestern abend in der Herberge nette Gespräche mit den anderen Fuß- und auch Radpilgern. Eine kleine, internationale Runde, und jeder ist gleich. Auch das ist eine Erfahrung, die man wohl sonst kaum machen kann.
Sabrina und ich sind also heute morgen erst mal zusammen los. Zu den Bodegas de Irache, der einzigen kostenlosen Weinquelle der Welt! Einfach so konnte man sich Wein zapfen! Dummerweise war es erst neun Uhr morgens und wir hatten noch nichts gegessen, also haben wir den – sehr leckeren aber sehr starken – Wein nur in geringer Menge genossen.
Dann ließ ich mich ein bisschen zurückfallen, weil die zwei Spanier, die sich uns angeschlossen hatten, nicht so ganz mein Fall waren. Ich wollte einfach alleine wandern, meinen Gedanken nachhängen, Ruhe genießen, und mit einem ständigen Redner dabei ging das eben nicht.
Weiter ging es also durch eine schöne Berglandschaft, durch Felder und Wälder (bei konstantem Nieselregen), bis in das Dörfchen Azqueta. Dort traf ich auch Sabrina wieder, die von einem Einwohner zwei Jakobsmuscheln bekommen hatte, von denen sie mir wiederum eine schenkte. Mein neuer Talisman.
Während die anderen aufbrachen, pausierte ich noch zehn Minuten, es war allerdings neben dem Regen auch noch biestig windig (genau, und gestern noch über die Sonne meckern ...), so dass mir bald zu kalt war und ich weiterging. Meinen Füßen ging es den ganzen Tag wesentlich besser als gestern, trotzdem merkte ich immer noch jeden Schritt. Jedenfalls gings dann weiter über Feldwege (eindrucksvoll: Die Burgruine von Monjardin und der Maurenbrunnen) bis nach Villamayor de Monjardin.
Und hier lieg ich jetzt in der Herberge, bin noch alleine. Ist echt knuffig hier, die freiwilligen Herbergseltern sind Holländer, die sind wahnsinnig nett und herzlich. Ich bin für morgen guten Mutes!
Tja, das mit dem Alleinsein war schnell erledigt. Erst kam Johann, ein Österreicher, der zwar sehr nett, aber (leider) auch unglaublich kommunikationsbedürftig ist ... Und gerade kamen noch Lea und James, zwei Australier. Wahnsinn, wie viele Menschen verschiedener Länder man hier trifft. Bis jetzt waren es, in nur drei Tagen, sehr viele Deutsche, Franzosen, Spanier, Italiener, Engländer, ein Mexikaner und jetzt eben zwei Australier. Cool.
Die Gründe, warum die Leute hier pilgern, sind so vielseitig wie ihre Herkunft: Der Johann zum Beispiel, der hat seinen Job geschmissen und will sich umorientieren. Der Spanier von heut morgen war sehr kulturinteressiert. Barbara aus Frankfurt geht den Weg schon zum zweiten Mal, weil sie bei dem monotonen Gehen in der oft wirklich atemberaubenden Landschaft gut nachdenken kann, bzw. ihre Gedanken nie so „fliegen“ wie hier. Ja und der Deutsche, der seit Jahren beim ADAC in Barcelona arbeitet, fährt die Strecke mit dem Rad tatsächlich aus religiösen Gründen.
Total schön ist, dass man sich so gut mit jedem direkt unterhalten kann, und fast alles per du. Und wenn halt die Sprache nicht klappt, dann mit Händen und Füßen!
Unsere Herbergseltern finde ich einfach großartig. Tolle Menschen! Der einzig passende Ausdruck, der mir einfällt, ist „bereichernd“. Essen gab es gemeinschaftlich im Esszimmer des Privathauses, von dem aus man einen wunderbaren Blick über die Landschaft hat. Und im offenen Kamin knisterte ein Feuer. Wir waren also vier Pilger und vier Herbergsbetreuer. Wir haben uns sehr interessant unterhalten und ich find es toll, dass die Holländer, die alle an die 70 sind, so gut Englisch können. Sie haben eine Menge erlebt, auch natürlich durch den Krieg, und nahmen uns mit, auf ihren eigenen, lange zurückliegenden, Jakobus-Wanderschaften. Toll!
Geschrieben in Jakobsweg 2003 am 25. Januar 2008, 17:36