Irland, Kerry Way

Samstag, 27. September 2003

Ankunft.
Bin in „The Súgàn Hostel” in Killarney! Ist bis jetzt das gemütlichstes und urigste, was ich je gesehen hab! Bei dem „Transfer“ vom Flughafen hierhin fiel auf, dass die Iren die Verkehrstauglichkeit ihrer Fahrzeuge nicht so wirklich interessiert.
Na jedenfalls war die Landschaft genauso, wie man sie sich eben vorstellt, wenn man an Irland denkt. Grün, hügelig, grün und hügelig. Eigentlich nichts besonderes, aber irgendwie eben doch.
Jetzt such ich noch n Supermarkt und guck mir mal den Pub nebenan an!

Den Pub guck ich mir doch nicht mehr an. Bin voll müde, fühl mich aber so wohl wie schon lang nicht mehr. Hab vorhin von nem Mädel aus Kanada eine absolut erstklassige Version von „Wish you were here“ gehört. Die konnte echt singen. Und Gitarre spielen. Das möchte ich gerne auch noch lernen ...

Sonntag, 28. September 2003

1. Tag.
Bin im „Lord Brandon’s Cottage“, kurz vor dem Black Valley, dem Tagesziel. Hat gut geklappt! Hab aber gerade einen Motivationsmangel, ich habe nämlich den Weg unter- und mich überschätzt. Hatte ja noch die Vorstellung, auf befestigten Wegen zu wandern. Von Trampelpfädchen durchs Moor stand im Reiseführer nix! Also vom Moor, da stand was. Aber nicht dass man auf 50 Zentimeter schmalen „Wegen“ laufen muss. Und ich merke die drei Kilo Gepäck mehr (als in Spanien) sehr deutlich. Ich schätze ich muss mich auf einiges gefasst machen!!
Das Wetter ist übrigens ziemlich gut, hat nur mal kurz genieselt.

Habe mein Nachtquartier in Form eines riesigen Bettes im „Shamrock Farm House“ (B&B) im Black Valley, hinter der Jugendherberge direkt am Kerry Way.
Nachdem ich jetzt frisch geduscht bin, geht’s mir auch wieder richtig prima. Habe erstaunlicherweise keine Blasen (den Schuhen sei dank, Gruß an Omi), meine Knie schmerzen kaum und auch mein Rücken wenig. Werde ich wohl morgen früh merken ...
Freue mich aber auf die Etappe morgen, soll sehr einsam sein. Obwohl, die heute war’s ja auch schon. Die Waldwege hier sind nicht so schön, da der Wald von Rhododendron überwuchert wird. Aber der Killarney National Park ist sehr schön, und die Moor-/Heidelandschaft auch, mit schulterhohem Farn! Nur bei den Steinwegen (also die mit Felsbrocken übersäten) ist Vorsicht geboten. Wenn man da mal falsch auftritt, ist der Knöchel verstaucht.
Trotzdem landschaftlich unschlagbar hier!!
Übrigens läuft hier alle paar Minuten ein Pferd direkt vor meinem Fenster her. Und aus dem Stall gibt’s n Kuhkonzert. Und der Hund, Mick, schleicht einem beim Gehen immer um die Beine, aber so, dass man ständig stolpert. Absolut zum Wohlfühlen!

Montag, 29. September 2003

2. Tag.
Dem Autor von meinem Reiseführer, dem hau ich das Dingen persönlich um die Ohren!!!!!!
Von wegen, „man muss nicht besonders trittsicher sein“, von wegen der asphaltierte Weg nach Glencar ist nur acht Kilometer lang...
Habe mein B&B nach einem super Frühstück heut morgen bei Nebel (aber warm und trocken) verlassen. War eine superschöne Kulisse und auch die ersten fallenden ersten Regentropfen machten nix.
Bald führte der Weg durch felsiges Hanggebiet, wo man verdammt genau gucken musste, wo man hintritt. Der Regen wurde stärker, besagte Felsen glitschig, kleine Bäche (das ganze Gebiet war sowieso staunass) zu reißenden Strömen und meine Brille nass und beschlagen, so dass ich die vereinzelten Wegweiser in dem Geröll nicht erkennen konnte. ABER MAN MUSS JA NICHT BESONDERS TRITTSICHER SEIN. Dann sah auch noch die einzige „Brücke“ über den „Bach“ (zwei Baumstämme über den mittlerweile auf gut zwei Metern Breite und stellenweise mehr als knietief angeschwollenen Bach) so wenig vertrauenserweckend aus, dass ich versucht habe, über die glitschigen Steine an einer flachen Stelle auf die andere Seite zu kommen. Naja. Hab’s fast geschafft. Mem linken Bein stand ich fast knietief drin. Erstaunlicherweise haben aber die Schuhe mal wieder gehalten, was sie versprochen haben. Also trockene Füße, nur nasse Waden. Interessante Kombination!
Das schlimmste war eigentlich, dass der Weg nach erfolgreichem Aufstieg auf der anderen Seite wieder runter genauso schlimm aussah. Also nur Felsbrocken und steil. Als ich allerdings auf dem Sattel stand, hatte ich eine atemberaubend schöne Aussicht, und die Sonne kam auch gerade langsam wieder durch die Wolken. Tolle Stimmung, beste Entschädigung für die Strapazen! Jedenfalls hatte ich dann, nach einem langen, steilen, glitschigen Abstieg die Wahl, Glencar über einen Pass oder eine Asphaltstraße zu erreichen. Aufgrund meiner pochenden Knie entschied ich mich, mir nicht noch einen An- und Abstieg zuzumuten und nahm die „acht Kilometer“ lange Asphaltstraße. Nach etwa anderthalb Stunden Gehzeit in normalem Tempo hoffte ich, in weiteren 30-40 Minuten anzukommen. Tatsächlich hätte ich wahrscheinlich noch zwei Stunden gebraucht. Gottseidank nahm mich ein Farmarbeiter mit, und die Fahrt dauerte noch eine geschlagene Viertelstunde! Kann ja irgendwie nicht sein. Und es gab nur diese eine Straße. Also mit dem Reiseführer, da bin ich jetzt etwas vorsichtiger, vielleicht stimmt da noch mehr nicht!
So und jetzt geh ich mal mein erstes Guinness trinken!

Brr ... die ersten drei Schlucke taten richtig gut, hatte ja auch Durst, und das Bier war kalt. Aber irgendwie wurds dann schwierig, das Glas zu leeren. Und es war nur ein half pint! Ich schätze, ich nehm demnächst lieber Cider. Oder Lager ... brrr.
Hoffe, meine Unterwäsche trocknet bis morgen ... (die gewaschene!!!) Hoffe, es regnet nicht!

Dienstag, 30. September 2003

3. Tag.
Strahlender Sonnenschein, den ganzen Tag, bis auf ganz wenige Tropfen! Toller Tag gewesen heute! Der erste Teil durch einen Wald war nicht so schön, dann ging’s auf nem felsigen Pfad (was auch sonst....) steil hoch und man hatte eine tolle Aussicht auf Lough Caragh, das „zu den landschaftlich schönsten Gewässern Irlands“ gehört. Hier hat das Buch die Wahrheit gesagt!
Dann ging es durch einen weiteren Wald wieder abwärts, total cool, auf riesigen Steinstufen, wirkte alles wie in nem Indiana-Jones-Film! Außerdem gibt’s da wild lebende Ziegen, von denen ich zwar keine gesehen, aber gehört (und gerochen) habe. Sonst war’s erstaunlich still, irgendwie hat der Wald bzw. wohl eher das Moos, alle Geräusche verschluckt.
Weiter ging’s auf Asphalt an eine Ecke, wo ich die Wahl hatte, nen kürzeren Weg mit An- und Abstieg und Blick aufs Meer oder nen längeren, dafür flachen Weg mit Blick auf nen schönen See zu nehmen. Klar, Meerblick hat Vorrang, also hoch! War anstrengend, hat sich aber gelohnt. Als es oben wieder flach wurde, ging’s um ne Kurve und man sah tatsächlich Meer und Küste. War zwar diesig, aber das Wasser war so unglaublich hellblau, als wär’s mit Neonfarbe angemalt worden. Vor allem war’s ein toller Kontrast zu den umliegenden Bergen. Irre!
Beim Abstieg haben meine Knie dann mal wieder etwas gelitten, dafür gab’s den ganzen Weg frische Brombeeren, die wucherten nämlich am Wegesrand in Massen! Perfekte Wegzehrung!
Hatte natürlich die rote Patsche hinterher nicht nur an den Fingern.
Naja, so ging’s dann bei Nieselregen nach Glenbeigh rein und es musste eine Übernachtungsmöglichkeit her. Das erste B&B wollte 30 Euro. Natürlich viel zu teuer. Das nächste lag mit 35 Euro noch mal höher. Als ich daraufhin traurig geguckt hab und sagte, dass ich mir das nicht leisten könne, konnte ich ein Zimmer für 25 Euro kriegen. Geht doch! Ist zwar immer noch mehr, als ich eigentlich ausgeben wollte/sollte, aber hier in der Gegend hätte ich nicht zelten können und wenn ich hier nix gefunden hätte,
hätte ich irgendwie weiter gemusst, vermutlich dann per Anhalter, aber da hätte ich heute keinen Nerv mehr zu gehabt. Der dritte Tag ist immer der schlimmste! Ja und das Zimmer ist total klasse, fast schon luxuriös! Mit Fernseher. Und die Dusche ist doppelt so groß wie zu Hause und hat nen Massagestrahl. Meine Schulten haben sich gefreut!
Aber meine Füße tun mir voll weh, hab zwar keine Blasen, aber so Druckstellen, unter den Füßen. Voll blöd. Werde morgen die ersten vier und die letzten vier Kilometer trampen, bietet sich von der Strecke her an! Habe dann immer noch 20 Kilometer vor mir. Mit stetem Auf und Ab.

Habe gerade einen irischen Sender an, voll witzig, mit irischsprachigen Cartoons. Interessante Sprache, klingt wie Schwedisch, Holländisch und Englisch zusammen.
Aaaaaaaah! Im Wetterbericht ham sie gerade gesagt dass es nass wird! So’n Mist! Habe von allen Iren, mit denen ich bis jetzt gesprochen habe, gehört dass sie die längste Schönwetterperiode seit langem haben. Oooch, und die soll jetzt vorbei sein?!?! Hoffentlich stimmt der Spruch „The weather in Ireland is unpredictable“!

Mittwoch, 01. Oktober 2003

4. Tag.
Der Spruch stimmt! Sonne Sonne Sonne! Und gerade kam “Temperatures doing very well for early October“. Weltklasse. Mit ner Sonne genau über der Iveragh-Halbinsel. Geradezu brillant!
Bin nach einem mal wieder sehr anstrengenden Marsch in Cahersiveen eingetroffen. Sehr knuffiges Örtchen, wirkt aber irgendwie unfertig, weil’s sehr auseinandergezogen ist.
Aber der Reihe nach. Aufbruch beim B&B in Glenbeigh um 8:30 Uhr. Das Frühstück war übrigens super. Hatte vor, zur Mountain Stage zu trampen, gab das aber nach 30 Minuten rumstehen auf und bin doch über den Rossbehy Hill gelatscht. Hier stimmte leider der im Führer angegeben Weg nicht, er führte nicht auf den Berg rauf und wieder runter, sondern so halb um ihn rum, leider fast nur auf Asphalt. Waren ja „nur“ zwei Stunden .... Dafür hab ich drei wildlebende Ziegen gesehen! Standen auf einmal auf dem Weg. Waren aber schnell wieder verschwunden.
Jedenfalls war ich stinkig und quengelig und fand alles doof. Bis es links durch ein Gatter ewig lang bergauf ging, durch Weideland und in dichter werdenden Nebel hinein. Das war dann nämlich wieder echt schön, sehr ruhig, ein bisschen düster durch den dicken Nebel, aber trocken! Es mussten Gatter (hauptsächlich auf so Holzstiegen) und Flüsschen überwunden werden, und das alles mit tierischer Begleitung (Schafen). Beim Aufstieg hatte man zwischendurch immer mal Ausblick, ich konnte nur wegen des Nebels nix sehen. Dachte ich. Als ich um eine Ecke bog und weit rechts unter mir die Straße sah und deren Verlauf folgte und dann auf einmal nen Sandstreifen erkannte, wurde mir klar, dass ich die ganze Zeit aufs Meer geguckt hab! Da hat es mir glatt die Sprache verschlagen. Hätte es, wenn ich gesprochen hätte. Das sah einfach gewaltig aus, das Meer, ein Stückchen Küste, die Straße weit unten und links immer noch Berge. Und der Nebel. Irre!
Der Hang nach rechts runter war nur so steil und mit spitzen Felsen gespickt, dass man nie gleichzeitig gehen und gucken konnte ...
Dann wurde der Wind ziemlich fies und zerrte am Rucksack, so dass ich stellenweise nur noch gewankt bin. Sehr abenteuerlich. Hab dann auch meine Kapuze überzogen, weil ich fand, meine Gehirnwindungen waren nun genug durchgepustet. Tat schon richtig weh in den Ohren.
Der Weg führte mich jetzt in ein düsteres (very gloomy) Wäldchen hinein, wo man sich den Weg durch Flüsschen, Matschpfützen und über Geröll suchen musste. Raus aus dem Wald wieder über Feldweg, vorbei an ein paar verlassenen Farmhaus-Ruinen. Unglaublich, wie winzig die waren. Und ganz viele traurige Erinnerungen hafteten an den Mauerresten …
Weiter über diverse Stiegen durch Weideland, das teilweise sehr sumpfig war, wo ich natürlich auch das ein oder andere mal steckengeblieben bin. Trotzdem tat das federnde Gras den Füßen sehr gut! Leider nicht lange, denn es folgte wieder ein Asphaltsträßchen. Es gab leider keinen Wegweiser, und ich entschied mich für den Weg, der mich wieder an die N70 führte. Ich dachte, ich könnte ja von da aus dann die letzten acht Kilometer trampen. Musste dann allerdings feststellen, dass es wahrscheinlicher ist, im nüchternen Zustand ne nackte Elfe auf’m Tisch tanzen zu sehen als per Anhalter mitgenommen zu werden. Ehrlich, ich bin fast ne Stunde weitergelatscht bis sich jemand erbarmt hat. Das klappt ja in Deutschland besser ...
Bin zuerst in Cahersiveen in „The Sive Hostel“ ausgestiegen, aber beim Anblick der Duschen rückwärts wieder raus. Und das ich, das ist echt ungewöhnlich! Jetzt sitze ich in einem – mal wieder 25 Euro teuren – Zimmer im „Iveragh Heights B&B“, mit Fernseher und Teekocher! Weltklasse (mal wieder)! Bin am überlegen, wie ich morgen weitermache. Trampen oder laufen. In Waterville gibt’s laut meinem Führer jedenfalls keine Herberge, werde wohl endlich das mitgeschleppte Zelt nutzen können/müssen! Ein weiteres B&B kann ich mir nämlich nicht leisten...
Na abwarten. Jetzt mach ich mir erst mal Tee!

Donnerstag, 02. Oktober 2003

5. Tag.
Waterville hat doch ne Herberge, und da bin ich jetzt und es läuft „Skandal im Sperrbezirk“. Frage mich, welcher Verrückte das hier hingebracht hat!
Heute morgen war ich innerhalb von 40 Minuten tatsächlich schon hier in Waterville. Sehr sehr schönes Städtchen. Der Zweite, der mich mitgenommen hat, hat mir erzählt, dass Charlie Chaplin diesen Ort geliebt hat. Und dass er ihn, als er (also Chaplin) schon alt und grau war, sogar einmal persönlich kennen gelernt hat. Der Erste, der mich mitgenommen hat (ich nehme übrigens meine Äußerung mit der nackten Elfe zurück und entschuldige mich in aller Form bei allen existierenden Elfen!), war voll nett – wie eigentlich alle, die ich bis jetzt getroffen habe – und fand es „very tough“, dass ich alleine unterwegs war. Als ich anmerkte, wie schön es hier ist und das ich ja eigentlich glatt hier bleiben würde, meinte er grinsend „Marry a farmer!“
Ich machte mich also in Waterville auf den Weg. Prompt auf der falschen Straße. Bin allerdings nach kurzer Fragerei über eine Querstraße auf den richtigen Weg gekommen und an einem knuffigen blauen Häuschen mit knuffigen pechschwarzen Katzen davor liegend vorbei gekommen. Frohen Mutes stapfte ich also einen Geröll-Weg hinauf, der dann zu einem Wiesenpfad über Weideland wurde. Dummerweise erkannte ich diesen Pfad kaum, weil das Gras kniehoch stand. Lästig war auch, wenn man mit dem Fuß zwischen zwei Steinen hängen blieb, weil man die ja nicht sehen konnte. Oder man stapfte in so ein Huf-Loch. Ich war dann ganz ganz schnell runter mit den Nerven, die Sonne brannte (ja, brannte!) unbarmherzig, zusammen mit der salzigen Meeresluft und dem Schweiß hatte ich das Gefühl, mein Gesicht stand in Flammen. Und der Weg wurde immer schlimmer, so schlimm, dass ich ans Umdrehen dachte, weil ich bald einfach keine Kraft mehr hatte vom ständigen Umknicken und stolpern. Das wollte ich dann aber irgendwie auch nicht, war ich doch schon über so viele Stiegen geklettert, dass ich mir das nicht noch mal antun wollte; außerdem musste der Punkt, an dem sich der Kerry Way aus Cahersiveen mit dem, der nach Caherdaniel führt, trifft, nicht mehr weit sein.
In der Tat gab es bald einen Pfeil, der in beide Richtungen zeigte, aber nur einen Weg. Der, den ich hätte nehmen müssen, war weg, von Farn und Gras und Geröll überdeckt. Es ging einfach nur extrem steil runter und man konnte auch unten keinen Wegweiser entdecken. Entnervt (und mittlerweile enorm durstig) nahm ich also den anderen Weg, der mich bald wieder an eine Straße führte, wo ich daumenseidank wieder weiterkam. Bin bis dorthin etwa neun Kilometer weit gelaufen, habe dafür stolze vier Stunden gebraucht. Zurück in Waterville wollte ich dann erst weiter trampen, fand dann aber doch eine noch offene Herberge, nämlich Peter’s Place, die an Originalität der Súgàn in Killarney in nichts nachsteht. War zwar auch um einiges dreckiger, dafür aber hippiemäßiger! Und mit einer guten Anlage und guter Musik ausgestattet, schönen selbst gemalten Bildern an den Wänden, Lonely Planet Reiseführern zum schmökern, Garfield-Comics und fließend heißem Wasser. Und auf dem Klo bescheinigte ein Schild mit der Aufschrift „PLACE OF EQUALITY“ die gemeinsame Benutzung.
Mein Stolz ist zwar etwas im Keller, weil ich heute „aufgegeben“ habe, aber hätte ich das nicht, säß ich jetzt nicht hier auf der zammeligen grünen Couch in einer der urigsten Herbergen der Welt mit Blick aufs offene Meer. So wendet sich eben doch alles zum Guten! In solchen Momenten glaube ich einfach an Schicksal!

Gerade kam eine Amerikanerin rein, die über London und Schottland nach Belfast gereist ist, und dann auch getrampt und Bus gefahren ist. Sie liebt Irland und betrachtet die Amis als paranoid. Außerdem kennt sie „Bowling for Columbine“ und hat die Aussage des Films auch bestätigt.
Stelle nun, nach fünf Tagen fest, dass ich hier viele Gedanken im Kopf rumschwirren habe und nicht so gut abschalten kann wie in Spanien. Liegt vermutlich daran, dass der Weg in Spanien viel weniger Konzentration und Anstrengung erfordert. Müsste wohl wirklich mal ne Nacht in der „Wildnis“ im Zelt verbringen. Vielleicht kommt ja noch ne Gelegenheit. Aber hätt ich gewusst, wie günstig B&B im Endeffekt ist, hätt ich das Zelt zuhause gelassen. Dann hätt ich wenigstens noch Musik mitnehmen können! Fürs nächste mal weiß ich’s! Muss ja eh noch mal wiedergekommen, und die Strecken, um die ich mich jetzt gedrückt habe, noch laufen.
Ärgert mich tierisch, dass ich den „vielleicht schönsten Ausblick des gesamten Kerry Ways“ verpasse, weil der Weg nicht mehr da war ... Wobei ja eigentlich alle Ausblicke schön waren bis jetzt. Überhaupt, das Wetter ist immer noch super, quasi Ireland at it’s best!

„Forever trust in who you are and nothing else matters” … Wirklich gute Musik hier!

Die Sonne versinkt im Meer, einer dieser zwar kitschigen, aber traumhaft schönen Sonnenuntergänge. Die Herbergs-Crew und die wenigen Gäste sind auch hier, und wir alle schweigen gemeinsam. Schön.

Freitag, 03. Oktober 2003

6. Tag.
Ich stand um neun Uhr vorhin an der Straße, jetzt isses kurz nach zehn und ich bin in Caherdaniel in der Herberge.
Hab schon eingekauft und mach mir heut abend Spaghetti. Dann gehe ich nachher mal gemütlich ohne Rucksack zum Strand und überlege mir, ob ich morgen weitermache oder ganz entspannt weitertrampe. Das Trampen hat was, bietet sich doch so immer interessanter Austausch mit Einheimischen! So bin ich heute morgen von einem Lieferanten mitgenommen worden, der mir erzählte, dass Irland zur Zeit ein unheimliches Wirtschaftswachstum erlebt, dass sich die Zeiten aber durchaus geändert haben, dass zum Beispiel in vielen kleinen Küstenorten alte Traditionen dem Tourismus weichen müssen. Das macht nachdenklich, ist das doch überall der Lauf der Dinge. Man meint immer, man würde noch genug kleine, ursprüngliche Paradiese entdecken, aber irgendwann gibt es davon einfach keine mehr ....

Ich war gerade am Meer!!!! Und mit den Füßen drin!!! Und das am schönsten Strand den man sich wünschen kann!!!! Jippieeeh! Dachte so gegen elf, dass ich ja wirklich mal los müsste, um den Tag schön zu vertrödeln. Bin also auch los und dem Schild „Beach“ gefolgt. Sah auch von einem etwas höheren Punkt aus schon Wasser glitzern. Ein Trampelpfad führte zu nix, also wieder zurück. Der zweite Pfad brachte mich an ein Seeufer (dachte ich) und ich war voll enttäuscht. Aber es musste ja irgendwo Meer sein! Also weiter. Die Straße führte mich in den Derrynane National Park und machte einen Knick nach links, da wo ich auch das Meer vermutete. Ja, und dann stand ich auf der anderen Seite des „Sees“ und neben den Dünen - und im feinen Sand. Sah auch, dass von dem See ein Ausläufer auf die andere Seite der Dünen führte. In freudiger Erwartung stapfte ich also durch die Dünen und konnte nach kurzer Zeit das Wasser rauschen hören. Und tatsächlich, kristallklares Wasser, menschenleerer Strand, Sonnenschein und ich mittendrin! So schnell hat noch nie jemand seine Schuhe und Socken ausgezogen wie ich! Näh, war das schön! Habe ewig lange nur da gesessen und aufs Meer geguckt. Schönschönschön. Ich glaube, morgen trampe ich tatsächlich weiter. Habe irgendwie überhaupt keine Lust mehr zu laufen. Mal sehn!

Samstag, 04. Oktober 2003

7. Tag.
Tja, und schon bin ich wieder in Killarney!
Gestern abend hab ich mich auf einmal sehr einsam gefühlt, keine Ahnung, warum. Vielleicht passiert das halt einfach, wenn man alleine durch relativ dünn besiedeltes Land reist und das auch noch außerhalb der Saison. Hatte auch ein total schlechtes Gefühl, ganz allgemein, so ne innere Unruhe, und hab dann beschlossen, doch direkt nach Killarney zu trampen. Gesagt, getan. Stand um 7:30 Uhr schon an der Straße (es kam ungefähr ein Auto alle Viertelstunde...), wurde auch gottseidank bald mitgenommen, von zwei etwas betagteren Damen, die sehr gesprächig waren.
Da mein Reiseführer sagte, dass ab Caherdaniel der Weg nah an der Straße langführt, konnte man sich ungefähr denken, wo er verlief und ich war wirklich sehr froh, nicht gelaufen zu sein!
Hatte wunderbare Sicht aufs Meer mit einem genialen Sonnenaufgang. Überhaupt was das ganze Farb- und Lichtspiel klasse. Und jetzt bin ich wieder in The Súgàn, die gnadenlos voll ist, und werde heute einfach nur irgendwo sitzen, mich unterhalten, ein bisschen lesen. Und morgen Ross Castle besichtigen!

Gerade gab es eine richtig schöne Jam-Session. Es sind unter anderem zwei Songwriter hier, zwei Amis (die sind sich zufällig hier begegnet). Sie ist nicht ganz so gut, er dagegen 1a! Sein Text war was mit „She’s talking to angels, saying they call her by her name“ und “She’s just a dream, I am still alone”. Voll schön. Und die Stimme, Wahnsinn!
Habe tatsächlich überhaupt keine Lust mehr, die Herberge zu verlassen. Eigentlich blöd, ich müsste ja eigentlich in Irland mal in einen irischen Pub mit irischer Live-Musik gehen. Aber irgendwie... Dieses Phänomen, das man die Herberge, also eben genau diese Herberge, nicht verlassen möchte, wird sogar in dem Irland-Reiseführer unter „hanging around“ beschrieben ... Es ist einfach zu gemütlich hier!
Es sitzen übrigens auch mal wieder Israelis am Tisch. Außerdem n paar Deutsche, die in Cork irgendwas fürs Medizinstudium machen. Davon ist eine voll nett! Hat erst ne Banklehre angefangen, und sich dann umentschieden und studiert jetzt eben Medizin. Find ich gut! Also den Mut zu haben, sich umzuentscheiden.

Samstag, 05. Oktober 2003

8. Tag.
Und nun bricht der vorletzte Morgen in Killarney an.
Sehr schade. Habe allerdings kaum geschlafen, was daran lag, dass ich gestern abend zuviel Tee getrunken hab. Und zu heiß war’s im Zimmer auch.
Es geht jetzt auf die zwölf Uhr zu und ich mach mich gleich mal auf den Weg nach Ross Castle. So geht dann der letzte Nachmittag rum.

Ross Castle ist ein sehr schönes Schloss, so von der Architektur her, und auch die Lage sehr schön, direkt am Lough Leane. Nur irgendwie ist zuviel, ähm, ich sag mal „Infrastruktur“ drum rum. Direkt beim Schloss legen Motorboote an, um Touris nach Innisfallen zu bringen. Wirkt so deplaziert.
Und fünf Euro Eintritt waren mir dann auch zu teuer. Aber ich habe Ross Castle gesehen!!
Hier läuft gerade ein Lied „I have to go away, I can no longer stay. I love you all so much, hope we can stay in touch”. Total schön. Weiß leider nicht von wem.
In 24 Stunden sitze ich wieder im Flieger. Bin sehr traurig. Fühle mich doch mal wieder so zuhause hier.

Wir sind auch mal wieder eine lustige, internationale letzte-Abend-Runde: Vier Deutsche, ein Holländer, zwei Israelis, zwei Russen, eine Französin, zwei Amis, ein Schweizer.
Gerade erzählt der Holländer, dass es Pläne gibt, innerhalb der nächsten 25 Jahre jedes Haus mit einem Windrad oder Solarsystem auszurüsten und einer „Energie-Batterie“. Wenn die Batterie dann von der selbst produzierten Energie geladen ist, soll die überschüssige Energie von Haushalt zu Haushalt versendet werden. Klingt spannend, aber haarsträubend, für mich. Habe dann doch lieber dem Schweizer zugehört, der erzählte nämlich, wie er mit einem Freund zusammen in nem kleinen Wikingerbötchen von Norwegen aus hierhin gekommen ist. Die sind im Ende April losgesegelt und im Anfang August angekommen. Sind aber auch nie lange auf dem Meer geblieben, weil beide keine Ahnung vom Segeln hatten, und deswegen hat es eben auch so lange gedauert. Wenn man den Leuten hier so zuhört wird einem klar: Alles ist möglich!

Montag, 06. Oktober 2003

Abreisetag.
Ich will net zurück! Es ist viel zu schön, abends am Feuer zu sitzen, irgendwer zupft die Gitarre, n anderer kritzelt was in sein Notizbuch, Tee, Stimmengewirr ...
Noch drei Stunden bis der Bus fährt. Julia, auch eine Deutsche, fliegt mit und will auch nicht zurück.
Außerdem regnet’s in Deutschland und hier nicht. Die ganze Atmosphäre hier wird mir echt fehlen.
Die eine aus Chicago fliegt auch heute zurück, erst nach London, dann in die USA. Der aus Kalifornien auch, der von Dublin direkt in die Staaten. Bin somit auch nicht die einzige, die ein bisschen wehmütig ist. Herrscht eine etwas gedämpftere Stimmung im Moment. *seufz*
Der einzige Trost: Sobald sich die Gelegenheit ergibt, bin ich wieder irgendwo unterwegs!

Shortcuts

Mein Leben. Online.

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Oh, ein Gast! Willkommen!


Dorina hat am 10. August gesagt:

~ :-) Freut mich, dasser Dir gefällt!... [mehr]


prestidigitateur (anonym) hat am 07. August gesagt:

~ Manchmal: Meine Gedanken brennen auf der... [mehr]


Maria (anonym) hat am 07. August gesagt:

~ Oh, dieses Bild ist aber ganz besonders schön.... [mehr]


lorretti (anonym) hat am 06. August gesagt:

~ was ist schon glück ... liegt doch viel... [mehr]

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Credits: "Odin" by Laika Altenburg Laursen .

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