5. Tag.
Waterville hat doch ne Herberge, und da bin ich jetzt und es läuft „Skandal im Sperrbezirk“. Frage mich, welcher Verrückte das hier hingebracht hat!
Heute morgen war ich innerhalb von 40 Minuten tatsächlich schon hier in Waterville. Sehr sehr schönes Städtchen. Der Zweite, der mich mitgenommen hat, hat mir erzählt, dass Charlie Chaplin diesen Ort geliebt hat. Und dass er ihn, als er (also Chaplin) schon alt und grau war, sogar einmal persönlich kennen gelernt hat. Der Erste, der mich mitgenommen hat (ich nehme übrigens meine Äußerung mit der nackten Elfe zurück und entschuldige mich in aller Form bei allen existierenden Elfen!), war voll nett – wie eigentlich alle, die ich bis jetzt getroffen habe – und fand es „very tough“, dass ich alleine unterwegs war. Als ich anmerkte, wie schön es hier ist und das ich ja eigentlich glatt hier bleiben würde, meinte er grinsend „Marry a farmer!“
Ich machte mich also in Waterville auf den Weg. Prompt auf der falschen Straße. Bin allerdings nach kurzer Fragerei über eine Querstraße auf den richtigen Weg gekommen und an einem knuffigen blauen Häuschen mit knuffigen pechschwarzen Katzen davor liegend vorbei gekommen. Frohen Mutes stapfte ich also einen Geröll-Weg hinauf, der dann zu einem Wiesenpfad über Weideland wurde. Dummerweise erkannte ich diesen Pfad kaum, weil das Gras kniehoch stand. Lästig war auch, wenn man mit dem Fuß zwischen zwei Steinen hängen blieb, weil man die ja nicht sehen konnte. Oder man stapfte in so ein Huf-Loch. Ich war dann ganz ganz schnell runter mit den Nerven, die Sonne brannte (ja, brannte!) unbarmherzig, zusammen mit der salzigen Meeresluft und dem Schweiß hatte ich das Gefühl, mein Gesicht stand in Flammen. Und der Weg wurde immer schlimmer, so schlimm, dass ich ans Umdrehen dachte, weil ich bald einfach keine Kraft mehr hatte vom ständigen Umknicken und stolpern. Das wollte ich dann aber irgendwie auch nicht, war ich doch schon über so viele Stiegen geklettert, dass ich mir das nicht noch mal antun wollte; außerdem musste der Punkt, an dem sich der Kerry Way aus Cahersiveen mit dem, der nach Caherdaniel führt, trifft, nicht mehr weit sein.
In der Tat gab es bald einen Pfeil, der in beide Richtungen zeigte, aber nur einen Weg. Der, den ich hätte nehmen müssen, war weg, von Farn und Gras und Geröll überdeckt. Es ging einfach nur extrem steil runter und man konnte auch unten keinen Wegweiser entdecken. Entnervt (und mittlerweile enorm durstig) nahm ich also den anderen Weg, der mich bald wieder an eine Straße führte, wo ich daumenseidank wieder weiterkam. Bin bis dorthin etwa neun Kilometer weit gelaufen, habe dafür stolze vier Stunden gebraucht. Zurück in Waterville wollte ich dann erst weiter trampen, fand dann aber doch eine noch offene Herberge, nämlich Peter’s Place, die an Originalität der Súgàn in Killarney in nichts nachsteht. War zwar auch um einiges dreckiger, dafür aber hippiemäßiger! Und mit einer guten Anlage und guter Musik ausgestattet, schönen selbst gemalten Bildern an den Wänden, Lonely Planet Reiseführern zum schmökern, Garfield-Comics und fließend heißem Wasser. Und auf dem Klo bescheinigte ein Schild mit der Aufschrift „PLACE OF EQUALITY“ die gemeinsame Benutzung.
Mein Stolz ist zwar etwas im Keller, weil ich heute „aufgegeben“ habe, aber hätte ich das nicht, säß ich jetzt nicht hier auf der zammeligen grünen Couch in einer der urigsten Herbergen der Welt mit Blick aufs offene Meer. So wendet sich eben doch alles zum Guten! In solchen Momenten glaube ich einfach an Schicksal!
Gerade kam eine Amerikanerin rein, die über London und Schottland nach Belfast gereist ist, und dann auch getrampt und Bus gefahren ist. Sie liebt Irland und betrachtet die Amis als paranoid. Außerdem kennt sie „Bowling for Columbine“ und hat die Aussage des Films auch bestätigt.
Stelle nun, nach fünf Tagen fest, dass ich hier viele Gedanken im Kopf rumschwirren habe und nicht so gut abschalten kann wie in Spanien. Liegt vermutlich daran, dass der Weg in Spanien viel weniger Konzentration und Anstrengung erfordert. Müsste wohl wirklich mal ne Nacht in der „Wildnis“ im Zelt verbringen. Vielleicht kommt ja noch ne Gelegenheit. Aber hätt ich gewusst, wie günstig B&B im Endeffekt ist, hätt ich das Zelt zuhause gelassen. Dann hätt ich wenigstens noch Musik mitnehmen können! Fürs nächste mal weiß ich’s! Muss ja eh noch mal wiedergekommen, und die Strecken, um die ich mich jetzt gedrückt habe, noch laufen.
Ärgert mich tierisch, dass ich den „vielleicht schönsten Ausblick des gesamten Kerry Ways“ verpasse, weil der Weg nicht mehr da war ... Wobei ja eigentlich alle Ausblicke schön waren bis jetzt. Überhaupt, das Wetter ist immer noch super, quasi Ireland at it’s best!
„Forever trust in who you are and nothing else matters” … Wirklich gute Musik hier!
Die Sonne versinkt im Meer, einer dieser zwar kitschigen, aber traumhaft schönen Sonnenuntergänge. Die Herbergs-Crew und die wenigen Gäste sind auch hier, und wir alle schweigen gemeinsam. Schön.
Geschrieben in Irland, Kerry Way am 25. Januar 2008, 17:48